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JOAN AS POLICE WOMAN - So gut es nur geht

Das 40. Lebensjahr gerade überschritten, fühlt sich Joan Wasser dieser Tage wohl wie nie. Mit dem neuen Album ´The Classic´ legt sie ein erstaunlich zuversichtliches Album vor und sieht in ihrem Projekt Joan As Police Woman die Möglichkeit, ein Stück dieser Gelassenheit abzugeben: „Viele fürchten sich immer vor dem Alter. Bei mir ist das anders, ich fühlte mich besser denn je, habe das Gefühl genau am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein und blicke mehr nach vorn als zurück“, freut sich die Multiinstrumentalistin und weiß zugleich, dass solch gute Laune für manchen schwer nachvollziehbar ist.

Als ehemalige Background-Sängerin und Session-Musikerin gestartet, scheint sie nicht nur privat angekommen, sondern fühlt sich auch als Künstlerin so wahrgenommen, wie sie es immer wollte – wäre da nur die Vergangenheit nicht, die Joan Wasser unverhofft einholt.

Manchmal hat man das Glück auf seiner Seite. Als Start ihres Interviewmarathons für die nächsten Wochen, entscheidet sich Joan Wasser bewusst für Deutschland als ersten Stopp. Hier seien die Journalisten immer nett zu ihr gewesen und würden weniger im Privatleben herumgraben, als sich für ihre Musik und die Band Joan As Police Woman zu interessieren.

„Stell mir jede Frage, die du willst – du bist der Erste, mit dem ich über ‚The Classic‘ spreche und egal worum es geht, die bekommst alle Antworten von mir“, freut sich Wasser und schüchtert einen damit irgendwie ein. Immerhin weiß man, wie das mit Generalproben so läuft und will ihr alles andere als ein schlechtes Gefühl für die kommenden Gespräche vermitteln.

Viel zu bereden gebe es selbstverständlich schon: Über ihre Beziehung zum viel zu früh verstorbenen Jeff Buckley Mitte der Neunziger Jahre zum Beispiel, den Job innerhalb der Backingband von Rufus Wainwright oder wie es war, als sie 2006 endlich eigene Songs veröffentlichte und sich mehr beweisen musste, als manch anderer Newcomer.

„Das habe ich nie so empfunden“, beruhigt sie sofort, „wie der Hase läuft, lernt man bereits vorher und Leute wie Rufus waren es schließlich, die mir Mut machten, einen Schritt nach vorne zu wagen und mit ‚Real Life‘ mein Debüt vorzulegen.“

Im Gegensatz dazu ist ihr neues, viertes Album ´The Classic´ nicht nur ein weiterer Schritt Richtung Öffentlichkeit, sondern der Sprung ins kalte Wasser:

Bewusst wühlen sich die Songs durchs Dickicht der Gefühle; gern negativer Art und doch soll nicht nur das Schlechte nach Außen gekehrt werden, sondern das Positive hinter allem im Mittelpunkt stehen.

„Als 2008 ‚To Survive‘ erschien, ging es mir nicht gut und so klingt das Album auch, sehr melancholisch – ist diese Vorgehensweise aber etwas für die Zukunft? Das habe ich mich vor drei Jahren beim letzten Werk ‚The Deep Field‘ gefragt und wollte die Sache anders angehen.“

Grübelt Wasser in einer Art und Weise, als habe sie in diesem Moment zum ersten Mal darüber nachgedacht:

„Mir fiel auf, wie groß die Herausforderung ist, einen Song zu schreiben, der optimistisch in die Zukunft blickt und dabei nicht kitschig klingt. Mit ‚The Classic‘ ging ich dieses Risiko auf voller Distanz ein.“

Kaum ausgesprochen, schnappt sie sich ein Vorabexemplar der Platte und schaut auf die Tracklist.

„Ohne Brille kann ich das gar nicht mehr lesen“, lacht sie beim Griff ins Etui auffallend laut, „während andere Frauen Komplexe bekommen, habe ich mir das Ding schick anfertigen lassen und betrachte die Brille als Modeaccessoir. Steht mir doch gut!“

Etwas übertrieben nickt man zurück und Wassers konstant gute Laue erklärt, warum ´The Classic´ eben genau so klingt: Fokussiert und zugleich verspielt, mit Songwriter-Pop und Gitarrenriffs angereichert, geprägt durch Experimente und dem Anspruch einer ruhe- und rastlosen Musikern, die uns noch eine Menge zu sagen hat.

Schön zusammengefasst, fügt sie hinzu. Dabei träfe es sich super, dass sie langsam auf die Mitte der Vierziger Lebensjahre zuginge, denn selten sei es so entspannt in ihrem Leben gewesen und früher habe sie stets versucht, überall und zur gleichen Zeit zu sein – was ihr heute herzlich egal ist.

„Du musst innehalten und Luft holen. Das Leben als Musikerin ist nicht vergleichbar mit dem klassischen 9-to-5-Job – hetzt du von Projekt zu Projekt, geht der Spaß dabei verloren.“

Was ihr nicht passiert ist und so erlebt Joan As Police Woman mit ´The Classic´ einen zweiten Frühling, der nicht nur ihr, sondern auch ihrer Musik zugutekommt.

Weise vor den Jahren, singt sie uns einmal mehr das Lied vom unermüdlichen Weitermachen.

Aktuelles Album: The Classic (Play It Again Sam / PIAS / Rough Trade)
© 01. März 2014  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Shervin Lainez
März 2014

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