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MISS PLATNUM - Alles anders? Oder doch nicht?

Miss Platnum? Das ist doch die Balkanröhre, die in ihrer Stimme gleichzeitig wütenden Zorn, tiefe Trauer und wilde Feierlaune reflektieren kann. Und am Ende fliegen immer massenhaft leere, in einem Zug geleerte Gläser an die Wand.

Nicht mehr hinter der englischen Sprache verstecken

Dann ziehen zunächst mal Lila Wolken auf. So heißt das Projekt, bestehend aus Yashas jugendlicher, Miss Platnums weiblicher Stimme und der des wortwitzigen Rappers Materia. Hinter diesen Wolken geht die Sonne des deutschsprachigen Singens bei Miss Platnum auf.

„Dabei hatte ich wohl Blut geleckt“, konstatiert Miss Platnum, die man jetzt ganz offiziell auch bei ihrem Rufnamen Ruth Renner nennen darf, „gleichzeitig hatte ich das Gefühl, mit dem Balkanzeugs an eine Grenze gestoßen zu sein, da war nach oben einfach keine Luft mehr. Dann habe ich mich an deutsche Texte heran gewagt. Etwas, von dem ich vorher gesagt hatte, das werde ich nie machen. Aber bekanntlich soll man ja nie nie sagen.“

Das sich Miss Platnum nicht mehr hinter der englischen Sprache verstecken will, findet auch bei Künstlern Anklang mit denen sie so zu tun hat.

„Neben Materia haben mich auch Peter Fox und zuletzt Annette Humpe an das Texten auf Deutsch herangeführt“, fährt die Sängerin fort, „irgendwann war der Punkt erreicht, da war diese Art zu arbeiten auch für mich normal. Und dann war das, was vorher so unendlich schwer war, plötzlich ganz leicht. Hat zwar etwas gedauert, bis es so auf den Punkt gebracht war, wie es jetzt auf der Platte zu hören ist. Satte drei Jahre.“

Wenn jemand über längere Zeit hinweg der englischen Sprache verfallen ist, dann ist der erste deutsche Text eine einschneidende Erfahrung.

„Gemachte Beobachtungen können

auf Deutsch viel präziser ausgedrückt werden“, ergreift sie erneut das Wort, „was aber den eigentlichen Unterschied macht, ist die Tatsache, dass die persönlichen Sachen jetzt noch persönlicher sind. Und ich mich dadurch auch verletzlicher und nackter mache.“



Der Kreativität freien Lauf lassen

Dass Miss Platnum den neuen kreativen Weg so vorwärts strebend beschreiten kann, hängt auch damit zusammen, dass deutsche Popmusik schon lange keine Schlageranmutung mehr hat. Und doch war der Weg zum neune Album ´Glück und Benzin´ nicht von Beginn eine breite Allee, sondern ein langer, gewundener Pfad der über hohe Berge und durch tiefe Täler führt.

„Im Grunde war es aber eine sehr spannende Zeit“, blickt Miss Platnum zurück, „eine Zeit in der ich vieles ausprobiert habe, bis hin zu dem Punkt, dass ich ein komplett eingespieltes -leicht chansonhaftes- Album einfach so in Tonne getreten habe. Ich hatte Gefühl, ich bin noch nicht so weit, ich muss da noch mal ran. Der Blick schweifte schon in die richtige Richtung, aber er ist noch unscharf.“ Selbstbewusstsein und Erfahrung wachsen mit der Zeit, in der man etwas tut. Das weiß auch Miss Platnum, doch gerade das wachsende Selbstbewusstsein hat auch damit zu tun, dass sie sich als Miss Platnum demaskiert.

„Ich musste, um voran zu kommen auch die Kunstfigur, die Balkantussi wegwerfen und wieder Ruth Renner werden“, sagt sie nicht ohne Stolz auf diese Leistung, „mit dem Wegwerfen der Kunstfigur sind Ruth Renner und Miss Platnum ist jetzt deckungsgleich.“

Nachdem auch diese Nuss geknackt ist, fühlt sich Miss Platnum stark und stärker und schreitet mit Riesenschritten auf ihr neues Ziel zu. Den neuen Stücken ist es deutlich anzumerken, dass sie sich immer weniger Gedanken über das Was und das Wie macht.

„Du musst irgendwann an den Punkt kommen, ab dem dir alles scheißegal ist und du Sachen einfach machst. Eine solche Haltung fällt eben nicht vom Himmel.“

Erst, wenn sich Künstler nicht mehr selber im Weg stehen und anschließend ihrer Kreativität freien Lauf lassen, dann brechen sie zu neuen Ufern aus.



Die Opulenz nicht der Neuausrichtung opfern

Wer so viel auf einmal verändert, wie es Miss Platnum auf dem Weg zur Platte ´Benzin und Glück´ tut, der gewinnt zwar die angesprochene Sicherheit und das Selbstbewusstsein. Doch bleibt es nicht aus, dass es vor der endgültigen Auswahl für die Platte von manchen Stücken zehn verschiedene Versionen gibt, von anderen aber nur zwei. Schließlich ist neben der Findungsphase in Bezug auf den deutschen Text, der Demaskierung der Miss Platnum auch eine Findungsphase für den Klang vonnöten. Der ist durchaus üppig, mit deutlich elektronischerem Klanggewand. Synthesizernoten züngeln und wiehern, die Beats sind gewichtig, präzise und stilvoll. Auch wilde, kantige Gitarrenriffs sind Miss Platnums Musik nicht fremd.

„Es sollen ja nicht nur die Texte berühren, die Musik soll die Menschen mitreißen und vor allem live einen ganzen, langen Abend verzaubern“, schließt Miss Platnum, „und dazu gehört für mich klangliche Opulenz.“

Kunst braucht Risiko; denn nur so geht’s. Deshalb kann es Miss Platnum auch nicht hoch genug angerechnet werden, den Weg der Sicherheit verlassen zu haben und etwas probiert zu haben. Hört man sich das aktuelle Album ´Benzin und Glück´ von der ersten bis letzten Rille aufmerksam durch, spürt man, bei Miss Platnum aka Ruth Renner ist alles anders und doch nicht! Anders ist die Sprache der Texte und eine bisher bei ihr so nie gekannte Melancholie. Geblieben sind wütender Zorn, tiefe Trauer und wilde Feierlaune und das lodernde Feuer einer offensichtlich nicht versiegenden, in die Zukunft blickenden Kreativität.

Aktuelles Album: Benzin und Glück (Four Music / Sony Music)
© 02. März 2014  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Kate Belim
März 2014

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