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JOAN AS POLICE WOMAN - Auf der Suche nach dem wichtigen Ton

Sängerin und Multiinstrumentalistin Joan Wasser, besser bekannt als Joan As Police Woman, setze bisher einer Traurigkeit immer auch gewisse Leichtigkeit entgegen. Pianoperlen verabreden sich mit unisono gehaltenen Bläsersätzen und werden von zarten Chören gestört. Dazwischen fährt Joan Wassers Stimme auf eleganteste Weise Slalom oder schwebt, wie von Wärme getrieben und leicht wie ein Papierlicht, über dem Geschehen. Oft halb gesprochen, immer verführerisch und verlockend.

Feilen bis zum Umfallen

Mit „The Deep Field“ legt Joan Wasser das vierte Album vor. Gleich zu Beginn wird im Stück „Nervous“ der Plan ausgebreitet: „ I want you to fall in love with me.“

Doch kaum gesagt, lässt Joan Wasser die Gitarre ordentlich Sperrfeuer schießen und erscheint unnahbar. Wie Dornröschen hinter der dornigen, haushohen Hecke. Doch befreit sie sich höchstselbst. Öffnet sich, lässt ihr Innerstes funkeln und magisch leuchten. Nun ist es nicht so, dass Joan Wasser nicht auch auf den Vorgängeralben persönlich wurde. Das Coveralbum mal ausgenommen, zieht sich die verzweifelte Suche nach einem Weg, ehrlich zu sich selbst zu sein, wie ein roter Faden durch ihr Werk. Auf „The Deep Field“ wird dieser wieder aufgenommen. Den Ariadnefaden in Händen traut sich Joan Wassers in ihr eigenes Lebens-Labyrinth. Doch diesmal tiefer. Manchmal so tief, dass sie darüber sagt: „Ich habe beim Schreiben an Dingen gerührt, von denen ich dachte, ich werde darüber nie singen. Ich öffne mich zu weit.“

Doch letztlich ist das Erforschte nur menschlich. Diese Erkenntnis ist es, die das vorliegende Album letztlich erscheinen ließ.

„Grundsätzlich hat jeder die gleichen Gefühle. Wir alle sind menschliche Wesen. Warum sollte ich mich dann nicht öffnen?“

Nach dieser Einsicht gibt die brachiale Gitarre Ruhe und macht hypnotisierenden Orgelklängen Platz. Mit jedem Lied hat Joan Wasser gekämpft.

„Jedes Stück wurde für mich zu einem Mount Everest, den es zu bezwingen galt“, beschreibt sie die Entbehrungen der Produktion, „ich habe an den Texten gefeilt bis zum Umfallen. Jeder einzelne Buchstabe jedes einzelnen Wortes musste gut gesetzt werden.“

Ans Ende des Leidenswegs hat die Muse für Joan Wasser das Lachen gesetzt und so schmettert sie in „Human Condition“: „I smile at strangers knowing it’s alright/When they smile back at me/I know we agree.“



Musik als Brücke

Tief schürfende Texte, widmen sich dem Älterwerden, wie dem wenigen Wissen über sich selbst. Es geht um irrationale und rationale Angstzustände, aber auch um Hoffnung. Um diese Buchstabensammlung auf Musik zu betten, bedarf es nicht nur des richtige Tons.

„Dazu gehört der wirklich wichtige Ton. Danach suche ich unablässig“, erklärt Joan Wasser, „denn die Musik ist für meine Gedanken die Brücke zur Außenwelt.“

Deshalb beginnt die Instrumentierung ihrer Stücke zeitgleich zum Text.

„Ich habe sofort bestimmte Musiker im Kopf. Das geht dann auch so weit, dass ich bei diesem Album unbedingt mit fünf verschiedenen Bassisten arbeiten musste. Auch war schnell klar, dass es erneut Doug Wieselman sein würde, der die Kompositionen mit seinen Saxofonen und vor allem mit seiner Bassklarinette an musikalische Schauplätze entführen würde, an denen ich noch nie war.“

Da Joan Wasser jede Platte neu beginnt, nichts aus dem Archiv holt oder Abgestandenes aufwärmt, zeichnet sich „The Deep Field“ durch eine sprühende Frische aus. Durch diese Art des Schaffens und durch Doug Wieselmans melodische Entführungen ist die Platte voller Überraschungsmomente, die von träumerisch bis dramatisch reichen. Der Gesamtklang ist einfach und erdig gehalten, aber äußerst sensibel auf Gefühl gebettet. Jedes Stück klingt reduziert, ohne ellenlange Soli, dafür mit stakkatohaften instrumentalen Einwürfen.

Da Joan Wasser keine Schreiberin der formatgerechten Häppchen fürs Mainstream-Radio ist, dürfen die Stücke auch ausklingen. Wenn es sein muss, weit über fünf Minuten hinaus. „The Deep Field“ ein zeitloses Entdeckungsparadies. Ein Album für die Ewigkeit.

Aktuelles Album: The Deep Field (PIAS / Rough Trade)
© 01. Februar 2011  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
Februar 2011

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