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TEITUR - Nicht auf den Hund kommen

Teitur Lassen ist ein färöischer Sympath. Denn auch wenn in den tiefen, dunklen Gruben unter seinen Augen „Jetlag“ in großen, noch dunkleren Lettern geschrieben steht, gibt er doch freundlich und strahlend Auskunft – über einen Hund, seinen Lebensabend und andere ungeplante Gewissheiten.

Man stelle sich eine Kleinstadt im Harzvorland vor, irgendwo an der Kante zur 50.000er Einwohnermarke. Als Kind dort aufwachsen? Schön. Als Jugendlicher da flügge werden? Hölle. Dort als Rentner seine existentiellen Absacker trinken? Vielleicht. Die Färöer Inseln nehmen sich nichts im Vergleich zu solch einer provinziellen deutschen Einöde, möchte man als Niemals-Da-Gewesener meinen. Immerhin schaffen es die Hobbykicker der Schafinselgruppe hin und wieder aber, die großen Fußballnationen zu piesacken. Das schaffte, zum Beispiel, ein Goslarer SC bisher nicht. Ganz schön frech, aber grundsätzlich will der Färinger eigentlich keinen Stress, sondern ausschließlich seine Ruhe. Auch Teitur Lassen, ein gebürtiger Färinger, wirkt entspannt, wenngleich doch saumüde. Europa, USA, Großbritannien und dann zwischendurch mal zurück auf die Faröer für einen traditionellen Weihnachtsliederabend oder um des Rückzugs in das einsame Musikmachen willen.

Musik macht Lassen schon mehr als sein halbes Leben lang. Diese ist jenen Färöern bekannt, die auf Pop und Rock stehen. Eine kleine Szene gäbe es dort, die stetig wächst, so Teitur.

„Nicht ganz so wie hier in Europa zum Beispiel und es gibt natürlich auch weitaus weniger Konzerte, aber die Leute singen oft auf Partys traditionelle Lieder oder sind im Chor.“

Ohne auf Evergreens oder Färinger Volkslieder zurückgreifen zu müssen, gewann Lassen als Leadsänger seiner ersten Band 1997 bereits einen färöischen Songcontest. Das rief freilich die Plattenfirmen auf den Plan. Teitur unterschrieb dann einige Jahre später beim Major. Was er heute zuteilen bereut, war damals sicher nicht nur schlecht: Die Plattenfirma pushte 2003 sein Album „Poetry & Aeroplanes“ in die internationale Öffentlichkeit. Die Presse sprach von einer Mischung aus Sting und Paul Simon mit einzigartigem Färöer Flair.

„Manchmal schreiben sie zutreffende Dinge, manchmal schreiben sie das Gegenteil davon. Das ist nun mal so: Man macht Musik und darauf gibt es Reaktionen. Die einen schreiben dies oder jenes, andere kommen zu meinen Konzerten und finden das irgendwie gut oder eben auch nicht so gut. Ich mache seit meiner Kindheit Musik und Reaktionen darauf bin ich gewohnt; ja man sucht sie als Musiker ja auch. Aber wenn die Presse über mich schreibt, versuche ich mich nicht zu viel damit zu beschäftigen, versuche ich nicht zu viel darüber nachzudenken, was die Leute schreiben. Reaktionen sind Teil des Musikmachens, aber: Ich würde auch ohne sie Musik machen.“

Aber was würde dieser junge Mann eigentlich machen, wenn er kein Musiker geworden wär und noch 365 Tage im Jahr auf den Färöern, anstatt mal in New York oder in London lebte? Teiturs Antwort klingt wie ein Loop des Vorangegangenen:

„Wenn ich nicht mit meiner Musik Geld verdienen könnte, würde ich sie trotzdem machen.“ Und im Grunde macht er das ja auch! Denn nach wie vor bezahlt er im wortwörtlichen Sinne dafür, dass er nicht mehr an ein Major gebunden ist. Sein neues, von ihm selbst produziertes Album erscheint nun auf Teiturs eigenem Label. Eine Entscheidung für die Musik und gegen den Stress, auf musikalische Kompromisse einzugehen oder sich Coversongs, Produzent und Image-Kampagnen aufdrücken zu lassen.

„Let The Dog Drive Home“ weiß davon ein Lied zu singen. Denn so wie der Albumtitel dafür steht, so spricht auch die Musik hier ihre Bände. Es geht um ein Sich-Treiben-Lassen, in der stetigen Gewissheit, dass man wieder im Guten stranden wird: „Kennst du die Situation, auf einer Party aufzuwachen und nicht zu wissen, wo du eigentlich bist? Dann findest du, wie auch immer in der Welt, irgendwann nach Hause, obwohl oder gerade weil du dich durch die Straßen einer fremden Stadt einfach nur hast treiben lassen. Darum geht es hier auch, irgendwie. Denn selbst wenn ich ein Perfektionist bin und fast immer weiß, wo es hingehen soll, wenn ich an einem Song schreibe, so gibt es keine größere Gefahr, als sich die eigene Offenheit zu verspielen. Oft plane ich das sogar bewusst ein, versuche ich mit den unerwarteten Momenten zu spielen. Das bis ins Letzte Durchgeplante kann dir einen Song kaputt machen, das ist gefährlich, zerstört dir die Freude am eigenen Spiel und hindert dich am Treiben-Lassen.”

Teitur Lassen hat sich für dieses Spiel eine kleine Hütte auf den Färöern gekauft, mitten in Ruhe und Natur. Ob er seinen Lebensabend dort verbringen wird? Vielleicht. Ob er Musik machen wird, selbst wenn jeder seiner Pläne fehlschlagen sollte? Ganz gewiss.

Aktuelles Album: Let The Dog Drive Home (Arlo & Betty Recordings / Edel)
© 01. Februar 2011  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister
Februar 2011

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