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JINGO DE LUNCH - Ausgesprochen unausgebrannt

Während sich die Welt in den vier digitalen Wänden von Mark Zuckerberg verschanzt, gräbt sich eine Instanz aus dem Urgestein alter Tage zurück an die weniger virtuelle Oberfläche. Jingo De Lunch, damals schon bunt, verquer und laut, protestieren heute da weiter, wo sie vor 16 Jahren aufgehört hatten. Das Gegenteil von Burnout auf allen Ebenen.

Yvonne Ducksworth und Gary Schmalzl. Sie, Sängerin und Kreuzberger Kneipenkraft - er, ein Fan der ersten Stunde, der nun Gitarrist seines All-time-favorite ist:

„Das war für mich der totale Hammer! Da ruft mich meine Lieblingsband an und fragt, ob ich mitspielen will.“

Schmalzl ist nach wie vor außer sich. Immer und immer wieder erzählt er mit kindlicher Freude im Gesicht und diesem ehrlichen Strahlen in den Augen von seinem Glück. Und es wird vielen Musikfans härterer Gangarten und - mit Verlaub - fortgeschrittenen Alters hierzulande so gehen wie Schmalzl: Die Jingos sind zurück.

Zurück in dem Geschäft, aus dem sie sich vor vielen Jahren verabschiedet hatten. Eine Generation ist es her, als sie ihre Kassetten aufnahmen, sich Platten aus dem Ärmel schüttelten und mit allen Größen von damals auf Tour gingen: Ramones, Motörhead, Bad Brains, Rollins Band oder auch den Hosen. Ihr Erfolg im Sinne von Durchbruch blieb aber aus. Mitte der Neunziger zerbröckelt die Band. Die Herren der Schöpfung wirbeln fortan mit anderen Bands durch die Gegend, Ducksworth geht in ihre Heimat USA, lebt ihr Leben und denkt nicht daran, dass Jingo nochmals ein Thema werden könnte. Nun, sie sollte eines besseren belehrt werden. Vor vier Jahren kam das alte Gefährt wieder ins Rollen. In alter Formation ging es just for fun wieder auf Tour in hiesigen Gefilden, danach gab es eine eher überflüssige Zusammenstellung alter Songs, bis man sich endlich in einem nochmals veränderten Line-up an neues Material machte.

Aber solch ein Wiedersehen ist kein Pappenstiel. Yvonne hat in den letzten zehn Jahren in Amiland keinen Ton Musik gemacht.

„Ich bin eine Perfektionistin und mich auf bestimmte Ideen zu fokussieren, fiel mir anfangs sehr schwer. Als ich mich irgendwann etwas lockermachen konnte, lief es besser. Ich hab die Mukke aus dem Proberaum mit nach Hause genommen und dann lief es, irgendwann war ich wieder drin.“

Bevor es flutschte, musste im Proberaum aber nicht nur viel gespielt und herumexperimentiert, sondern auch gequatscht werden. Über Riffs und Licks, über Parts und Breaks, über gut und schlecht. Auch Neuzugang Schmalzl musste sich erst einmal eingrooven:

„Ich hatte eine Wahnsinnsverantwortung. Denn du kannst als Neuling eine gute Band ja auch kaputt machen. Ich hab viel nachgedacht, wie ich da was spielen kann. Ich wollte die Kollegen, die all das aufgebaut haben, ja nicht enttäuschen!“

Eigentlich doch eine luxuriöse Situation, wenn man auf einem starken Fundament noch die i-Tüpfelchen garnierend setzen darf.

„Klar, aber du kannst eben auch das Tüpfelchen falsch setzen und dann ist es kein i mehr, was da am Ende steht.“

Aber genau genommen standen Jingo De Lunch doch nie für i-Tüpfelchen-Oberbauten oder klassifizierbare Eindeutigkeiten. Ende der Achtziger wüteten sie auf dem Terrain, das grenzenlos erschien. Was war das eigentlich damals? Metal? Punk? Rock?

„Metalpunkrock!“, lacht Ducksworth. „Ach, uns interessiert das nicht. Wir haben nie geplant, eine bestimmte Richtung einzuschlagen. Wir sind damals beeinflusst worden von dem, was wir hörten.“

Und auch nach 16 Jahren Albumstille hat sich das nicht verändert. „Land Of The Free-ks“ spielt mit den unterschiedlichen Schubladen und Genres, ungebändigt und ohne Scheu, als könnte die Zeit der Freude am eigenen Spiel keinen Abbruch tun. Aber der Spaß hat - ebenfalls wie anno dazumal - Gehalt:

„Ich rege mich noch immer über Ungerechtigkeiten unheimlich auf. Mich berührt das und ich muss das aufschreiben, sonst platze ich. Und aus 18 Seiten ziehe ich mir dann vielleicht drei Zeilen für eine Songidee raus – das ist damals so gewesen wie heute. Und für mich war und ist Rock´n´Roll, Musik, Tanz oder Kunst immer auch eine Art Sprachrohr. Das ist mein Ausdruck von Protest.“

Diesen kritischen Ansatz haben sich Jingo De Lunch genau so wenig wie den Spaß auf dem Boden der handfesten, durchschlagenden Tatsachen der harten Gangarten gewahrt. Das Feuer in den Augen und Worten von Ducksworth und Schmalzl spricht da Bände.

Aktuelles Album: Land Of The Free-ks (Nois-O-Lution / Indigo)
© 01. November 2010  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister
November 2010

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