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GIANT SAND - Der markierte Moment

Zufall oder Plan? Giant Sand, auch gerne mal als Gottheiten der alternativen Countymusik verkauft, legen exakt zum Silberjubiläum ihre neue CD vor. Sie trägt den wunderschönen Titel „Blurry Blue Mountain“, die Nachfolge-CD des 2008er Werkes „ProVisions.“ Giant Sand Chefdenker hält in einem Berliner Nobelhotel Hof und befriedigt Gesprächsbedarf. Er tut dies mit einem permanenten schalkhaften Lächeln im Gesicht. Seine Gitarre legt er nicht aus der Hand und klimpert durchgehend darauf herum.

Die ersten 25

Ein Jahrestag ist für Howe Gelb, dem kreativen Kopf hinter Giant Sand durchaus ein Thema:

„Als ich zu Beginn dieses Jahres mein Soloalbum abschloss, da realisierte ich, dass wir gerade in das magische 25. Jahr von Giant Sand gestolpert waren. Ich fasste den Entschluss, dass etwas passieren sollte. Wann willst du etwas feiern, wenn nicht nach 25 Jahren. Das 26. bietet sich dazu nun wahrlich nicht an. Feiern ist jedoch nicht das richtige Wort. Ich wollte eher den Moment markieren.“

Über diese ersten 25 Jahre gibt es immer Giant Sand oder Howe Gelb. Wann und wie entscheidet sich, ob Giant Sand wieder aufersteht oder ob Howe Gelb alleine loszieht. Das ist für ihn nicht die Frage:

„Giant Sand ist Giant Sand und ich bin ich. Mich gibt als Solokünstler und als Kopf von Giant Sand. Bei beiden Aktivitäten kann das gespielte Material sogar identisch sein. Es geht um Interpretation und damit um Klang. Bei jedem neuen Zusammentrommeln von Giant Sand stelle ich fest, die Band ist immer jünger als ich. Was immer das auch bedeuten mag?“

Was sogleich die Frage aufwirft, wie kommt es zu den unterschiedlichen Bandpersonalien?

„Ich weiß nicht“, sinniert Howe Gelb, „ich kann es nicht wirklich beschreiben. Vielleicht ist es die gleiche Art des Auswählens, wie ich eine Gitarre aussuche, eine Frau erwähle. Personen tragen diese ganz speziellen Informationen in sich. Verborgen zwar, aber man kann sie sehen. Beispielsweise finden sie sich in der Art und Weise, wie jemand den Raum durchquert. Freunde im Geiste könnte man sagen.“

So versammelte Howe Gelb diesmal Thoger T. Lund am selbst gebastelten Standbass, Peter Dombernowsky am Schlagzeug, Anders Pedersen, Slide- und Steel-Gitarre, Nikolaj Heyman spielt ebenfalls Gitarre und elektrisches Wurlitzer-Piano sowie die Sängerin Lonna Kelly um sich.



Verschiedene Arten, den Fluss zu

betrachten

Wenn Howe gelb Stücke schreibt, ist er auf der Suche nach der perfekten Ernte, wie er es nennt. Dabei kann diese Ernte auch mal mit einem Fischfang aus dem Fluss verglichen werden. „Der Fluss als solcher ist ewig alt,“ erklärt er, „und als Fluss immer gleich. Doch das Wasser, das jeweils vorbeifließt, wenn du an seinen Ufern stehst, das ist immer anders und neu. So kannst du dich als Klangfischer aus der Vielfalt des Vorbeifließenden nach Herzenslust bedienen.“

Dabei kommen dann so wunderbar dreckig und gleichzeitig geschmeidig klingende Stücke wie „Monk’s Mountain“ heraus. Es atmet den Takt und das Geräusch eben dieses Wassers. Klares Wasser jedoch ist da nicht vorbeigeflossen.

„Und dieses vorbei rauschende Wasser ist nicht immer klar und rein“, erklärt Howe Gelb das Stück, da schweift dein Blick auch schon mal in brackig, trübe Brühe.“

Wer 2010 auf das Giant Sand-Debüt „Valley Of Rain“ von 1985 zurückschaut und die Stationen der Truppe Revue passieren lässt, bis zur aktuellen Produktion „Blurry Blue Mountain“, für den wird unmittelbar und deutlich hörbar, dass der von Howe Gelb und Giant Sand markierte Jubiläumsmoment so zelebriert wird, wie nur Giant Sand es können. Mit aufregend guter Musik. Vorantreibend und doch zurückgelehnt verschmelzen die Künstler Essenzen von Westernmusik mit Country. Lassen Jazz und Punk als Paar zusammen tanzen. Bewusstes wird Unbewusstem entgegengesetzt.

„All diese Aufnahmen für das aktuelle Album entstammen dem Zwischenraum, der die dunkle Welt des Schlafs mit der hellen des Wachzustandes verbindet“, erklärt Howe Geld diese schwindelerregende Mixtur, „dieser Landschaft, in der es sich hervorragend herumbummeln lässt, kurz bevor das echte Aufwachen zuschlägt. Nichts auf dem Album wurde geplant. Es wurde eher nach Atmosphären geforscht. Die Stücke sind nicht mehr als blitzlichtartige Momentaufnahmen dieser Forschungen.“

Und genauso herumbummelnd klingen sie.

Aktuelles Album: Blurry Blue Mountain (Fire / Cargo)
© 01. November 2010  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
November 2010

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