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ANGEL OLSEN - Der Umweg zum Glück

Umwege erhöhen die Ortskenntnis, meinte ein deutscher Schriftsteller einst und obwohl Angel Olsen als gebürtige Amerikanerin dies nicht wissen kann, könnte ihr neues Album dieses Zitat als Titel tragen: „Zwar war es mir immer klar, dass ich Musikerin werden will, es hätte aber genauso ein anderer kreativer Bereich sein können, der meiner Leidenschaft entspricht“, berichtet die ehemals in einem Chicagoer Café jobbende Songwriterin. Ihre Tage als Bedienung sind nun endgültig gezählt, denn mit „Burn Your Fire For No Witness“ erscheint erstmals eine Platte von ihr über den weiten Teich hinweg und trotzdem hält sie die Füße angenehm still – wer damit nichts anfangen könne, solle einfach etwas anderes hören. Dies sei ihre Musik, die sie mag und doch geht ihr die Nervosität nicht vollkommen ab.

Wie viele Stunden ihr heutiger Tag schon habe, wisse sie leider nicht:

„Ich flog gestern von New York nach Paris, habe nachts kein Auge zubekommen und dann hatte mein Flieger Richtung Berlin auch noch Stunden Verspätung.“

Was schlecht ist, denn dort sollten zumindest ein paar Minuten Nachtruhe nachgeholt werden, was so leider nicht möglich war.

Andererseits sieht man selbst in Angel Olsens leicht müdem Blick das Funkeln in den Augen. Ein Funkeln, das sie deswegen dort trägt, weil es jetzt mit der Karriere richtig losgeht, mit der eigenen Musik und einer Albumveröffentlichung, die nicht nur im kleinen Freundeskreis, sondern auf der ganz großen Bühne stattfindet:

´Burn Your Fire For No Witness´ ist feinster Songwriterpop mit einer Prise Folk und erinnert an The Everly Brothers, Peter Green und gelegentlich an Giant Sand. Wobei Olsen sofort einlenkt und nicht als das All-American-Girl wahrgenommen werden will, dass viele Kritiker in ihr sehen:

„Ich bin an der Tradition meines Genres natürlich interessiert, mag aber Mariah Carry genauso und schätze sie als Künstlern – auch wenn sie ihre Songs kaum selber schreibt, performt sie diese auf eine Art und Weise, dass ich kein Problem mit meiner Faszination für sie habe“, lächelt Olsen verlegen und überrascht mit dieser Aussage natürlich.

Immerhin ist eine Retortensängerin wie Mariah Carry nicht unbedingt jemand, für den es cool ist eine Lanze zu brechen:

„Es gibt durchaus Gemeinsamkeiten zwischen ihr und mir. Wir beide verfolgen einen bestimmten Sound und das ist für mich das Entscheidende, sich nicht vom Weg abbringen zu lassen.“

Dabei hätte es Olsen am meisten geholfen, dass das Debüt ´Half Way Home´ vor knapp zwei Jahren bei einer Handvoll amerikanischer Kritiker gut ankam und sie sogar vom renommierten Pitchfork-Magazin auf deren alljährliches Mini-Festival eingeladen wurde. Damals jobbte sie neb nher noch als Kellnerin in Chicago und lebt erst jetzt den berühmten American Way of Life.

„Ich bin ein Weisenkind, wurde im Alter von drei Jahren adoptiert und hatte das Glück in eine Familie zu kommen, die mein Talent fördert. Für die es kein Problem war, dass die Tochter nicht den gradlinigen Weg einschlägt – Schule, Studium, Beruf – sondern alternativ drauf ist und es unbedingt mit der Musik wissen will.“

Kaum ausgesprochen, vibriert ihr Handy und sie entschuldigt sich, da müsse sie leider ran. Mit wem Olsen telefoniert, lässt sich nicht erahnen, aber mit einigem Stolz erfährt der Anrufer, dass sie gerade in Deutschland unterwegs sei und Interviews gäbe – nur um sich dann wieder umzudrehen und festzustellen:

„Das ist doch verrückt: Wir haben uns noch nie zuvor gesehen, werden uns vielleicht nie wieder sehen und das einzige, was mich mit all den Journalisten hier verbindet, ist dieses Album. Etwas sehr persönliches und deswegen hat sich die Sache längst gelohnt, egal was kommt.“

´Persönlich´ ist ein gutes Stichwort, denn autobiographisch wirken ihre Songs zwischen Akustikgitarre und Mazzy Star-infiziertem Pop allemal: „Man sollte jedoch nicht den Fehler machen, daraus meine Biographie zu stricken. Vielleicht war das beim Debüt so, aber ich bin gereift und habe gelernt den Leuten Geschichte zu erzählen, die sie auch auf ihr eigenes Leben anwenden können.“

Bei einem ihrer größten Förderer, Bonnie ´Prince´ Billy, hat dies bereits funktioniert und so nahm er sie nicht nur mit auf Tour, sondern lud sie auch ins Studio ein – an Olsens ´Burn Your Fire For No Witness´ hingegen war Billy nicht beteiligt; korrigiert sie den Eindruck, als hätten sich da zwei gesucht und gefunden.

Er wolle ihr das selber überlassen, den Erfolg und die Fehler, die damit einhergehen, erklärt sie weiter und sofort will man einlenken, denn Fehler gab es bislang keine. Ganz im Gegenteil:

„Nettes Kompliment, aber ich weiß, was bei der nächsten Platte besser gemacht werden kann“, lacht Angel Olsen die immer noch anhaltende Müdigkeit weg und wirkt in diesem Moment dann doch ein bisschen aufgeregt.

Aktuelles Album: Burn Your Fire For No Witness (Jagjaguwar / Cargo) VÖ: 14.02.
© 01. Februar 2014  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Zia Anger
Februar 2014

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