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JP, CHRISSIE & THE FAIRGROUND BOYS - Havanna Affair

Das Leben schreibt seltsame Geschichten, manchmal. Als Linda McCartney starb, setzte Pretenders-Chefin Chrissie Hynde ihr damit ein Denkmal, dass eine McCartney-Fotografie von Hynde zum Cover der 1999er CD „Viva El Amor“ wurde. In S/W zeigt es die Sängerin vor rotem Hintergrund in einer Art Che Guevara-Pose... Subjektiv ist es nicht schwer, Kämpferpose, Layout und Albumtitel mit Kuba, oder dem Kampf um die Liebe in Verbindung zu bringen...

Nun sitzt sie an ihrem 59. Geburtstag verschlafen in LA, neben sich in trauter Zweisamkeit ihr neuer Lebensgefährte JP Jones.

„Es ist 9 Uhr morgens, da habe ich noch nicht viel gefeiert“, sagt sie. „Wir sind noch gar nicht richtig wach, müssen eigentlich erst noch einen Kaffee trinken.“

Auch aus ihrem Partner sprudeln die Worte noch nicht so heraus, wie man es sich beim Lesen ihrer Love-Story vorstellen könnte. Jones ist 31, Waliser, und er hat mit seiner Band Grace 2007 für die EMI ein Album namens „Detours“ eingespielt. Weil die Verkäufe zu Wünschen übrig ließen, wurde Grace aus dem Vertrag entlassen, aufgelöst, vergessen; durch Big Linda ersetzt. 2008 sprach JP, angeblich angetrunken, auf einer Party Chrissie an, um ihr zu sagen, wie großartig er sie finde. Das war der Beginn einer Love-Story, die beide zuerst einmal von ihrem Wohnort London nach Havanna, und im Ergebnis zur hier verhandelten CD führte. Denn „Fidelity“ ist ein Statement ihrer Liebe!

Hynde:„Ja, genau, diese Platte handelt nicht von anderen...“

„...sondern von Chrissie und mir!“, ergänzt Jones.

Hynde: „Wir haben die Songs über uns geschrieben. Zusammen erzählen sie unsere Geschichte, deshalb kann man auch keinen Track irgendwie herausnehmen. Wir flogen nach Havanna, um uns besser kennenzulernen, denn wir hatten uns ja gerade erst getroffen. In Havanna hatten wir eine Menge Spaß und eine Gitarre. Also begannen wir mit dem Songwriting.“

In zwei Wochen entstand in einer Suite des Hotels Nacional de Cuba, umgeben von Notebooks, leeren Rumflaschen & Zigarrenstummeln ein Werk, dass schließlich „Fidelity“ benannt wurde, weil Fidel Castro allgegenwärtig war.

Hynde: „So war es! It´s about Castro!“

Jones: „Ja, genau! Fidel war überall!“ Harmonie hoch 2. Wann hat es das im Biz zuletzt gegeben? JP & Chrissie fragen oft dezidiert nach, um den jeweiligen Kern einer Frage zu ergründen. Und sie bestätigen sich permanent in ihren Antworten. Jones: „Wir dachten, dass Album könnte das Baby sein, dass wir real niemals werden haben können!“ Viva el Amor kann man da nur sagen...

Ebenso einträchtig präsentierten sich die beiden Turteltauben „Late Night with Jimmy Fallon“ auf NBC, wo sie zusammen eine Interpretation des Moby Grape-Titels „Murder In My Heart“ performten. Moby Grape war eine Rockband, die in den `60er Jahren unter großem Werbeaufwand in San Francisco ins Leben gerufen wurde. Angeblich gerieten die Mitglieder mit dem Gesetz in Konflikt, da ihnen sexueller Umgang mit Minderjährigen nachgesagt wurde.

Hynde: „Das erste Moby Grape-Album hat uns inspiriert, weil jeder schreiben und singen konnte. Ich denke, sie sind eine der größten Bands aller Zeiten!“

JP, Chrissie & The Fairground Boys sind ebenfalls eine Band, wenngleich sie noch nicht zu den All-Time-Greats gezählt werden. Doch neu im Geschäft sind sie allesamt nicht. JP & 3 Musiker stammen von Big Linda (Patrick Murdoch / Gitarre; Vezio Bacci / Bass; Geoff Holroyde / Drums); einer von Grace (Sam Swallow / Piano, Keyboards). „Der Keyboarder ist mein bester Freund.“

Scheinbar handelt es sich also um die Band von JP....

Jones: „Definitiv nicht! Wir sind zwar seit Jahren gute Freunde, aber mittlerweile ist es ebenso Chrissies Band.“

Womit wir wieder beim Thema wären – JP & Chrissie teilen alles. Natürlich auch die Stellung als Frontperson.

Jones: „So macht es wirklich Spaß. Wir können uns auf der Bühne beobachten, die Aufteilung nimmt den Druck von uns.“

Die Partner bestechen während des gesamten Interviews durch kurze, prägnante Sätze. Sie benötigen nicht viele Worte, um ihre Sichtweise zu zementieren. Wer von den beiden Hauptprotagonist(inn)en was zum musikalischen Gesamtbild beigesteuert hat, lässt sich ebenfalls nicht direkt in Worte fassen.

„Wir haben die Tracks zusammen geschrieben, ausgearbeitet. Es ist schwer, da Einzelteile herauszupicken.“

Nehmen wir es also als kämpferisches Statement einer Liebe, die es im normalen Leben nicht einfach hat, weil die Frau nahezu doppelt so alt ist wie der Mann. „Ich hab´ meinen perfekten Liebhaber gefunden, aber er ist nur halb so alt / Er versuchte zu stehen, als ich zum ersten Mal heiratete / Ich hab´ meinen perfekten Liebhaber gefunden, aber ich muss ein neues Kapitel aufschlagen / Denn ich will ihn in meiner Küche und auf meiner Bühne“ heißt es denn auch im CD-Opener „Perfect Lover“. Hynde hat zwar bereits mehrere Ehen hinter sich (u.a. mit Kinks-Sänger Ray Davies bzw Simple Minds-Sänger Jim Kerr), merkwürdigerweise aber noch keine Soloplatte eingespielt. Neben den genialen Alben mit ihrer Stammband The Pretenders gab es ausschließlich Kooperationen (mit UB 40, Cher,...).

Hynde: „Warum sollte ich ein Solo-Album machen, wo ich doch so viele Künstler getroffen habe? Außerdem will ich eine Band!“

Hyndes einziges Solo-Projekt, wenn man so will, ist ein vegetarisches Restaurant in ihrer amerikanischen Heimat Akron.

„Ich interessiere mich nicht für Restaurants. Ich habe lediglich ein Interesse daran, die Leute davon abzuhalten, wunderbare Tiere nur deshalb aufzuessen, weil es kein vegetarisches Restaurant in der Nähe gibt. Wenn die Leute nicht selbständig das Richtige machen, dann gebe ich ihnen mit einem vegetarischen Restaurant einen guten Grund für ihr eigenes Wohlbefinden dazu. Mehr kann ich ihnen nicht anbieten.“

Die vegetarische Ader der aktiven Umweltschützerin Hynde teilte Lebensgefährte Jones (lobenswerter Weise) natürlich ebenfalls umgehend. Hynde engagiert sich seit Jahren für Organisationen wie Peta oder Animal Rights. „...weil sie ein klares Statement gegen Tierquälerei und das Töten von Tieren abgeben!“

Jones: „Ich stimme Chrissie voll und ganz zu, muss aber eingestehen, dass sie viel mehr in die Materie involviert ist als ich. Durch unsere Beziehung habe ich gelernt, Tiere nicht mehr zu essen!“

Hyndes Einsatz für Lebewesen und unseren Lebensraum ist beispielhaft. Manchmal gerät sie dadurch gar mit dem Gesetz in Konflikt. Auf einer Pressekonferenz von Greenpeace hatte sie einmal dazu aufgefordert, eine Brandbombe in eine McDonalds-Filiale zu werfen. Am darauffolgenden Tag wurde tatsächlich ein Restaurant der besagten Kette durch einen Brandsatz zerstört. Nach einem gerichtlichen Prozess verpflichtete sich die Musikerin, solche Aussagen in Zukunft zu unterlassen. Vielleicht sieht sie es daher nicht (mehr) als notwendig an, die Musik als Vehikel für politische Aktivitäten zu gebrauchen, auch wenn sie 1994 bei einem gemeinsamen Roundtable mit dem Autoren dieser Zeilen (als Wunschdenken) verlauten ließ, sie möchte es noch erleben, dass McDonalds aus dem Geschäftsleben verschwindet. Zitat: „So verspüre ich die Intention, solange zu leben, bis diese Fucker sterben!“

Passenderweise steht sie derzeit für das blühende Leben. Folglich lauteten ihre Statements zur Message von „Fidelity“ wie folgt: „Erstens – Tanzt! Zweitens – Seid glücklich! Drittens – Wenn ihr jemanden liebt, findet einen Weg, diese Liebe zu erhalten!“ Obendrein gab es von der gebürtigen Amerikanerin gar noch ein großes Lob für Deutschland: „Seit Obama Präsident in den USA ist, herrscht dort ein besseres Klima. Die Menschen blicken positiv in die Zukunft. Sie fangen endlich damit an, Rohstoffe zu recyclen – So, wie es Deutschland der Welt bereits seit 30 Jahren zeigt! Endlich sind die Leute auch hier aufgewacht!“

Aktuelles Album: Fidelity! (earMusic / Edel) VÖ: 15.10.
Weitere Infos: www.jpchrissie.com
© 03. Oktober 2010  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe ||| Foto: C. Taylor Crothers
Oktober 2010

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