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CHOCOLATE GENIUS INC. - Aus der Idee improvisieren

Fünf lange Jahre war Schweigen im Walde. Fünf, von den nahezu 20 Jahren, die er schon auf dem Karrierebuckel hat. Doch auch mit der aktuellen, „Swansongs“, säumen erst vier Platten seinen künstlerischen Weg. Und an dem stehen jubelnd solche Künstler, wie Marc Ribot und David Byrne oder Philip Glass und Bruce Springsteen. Die Rede ist von Marc Anthony Thompson a.k.a. Chocolate Genius Inc. In Paris spielt er vor einer Handvoll Journalisten Titel aus seinem aktuellen Album. Der Mann ist leise. In jeder Beziehung. Sein Auftreten. Seine Stimme. Sein Spiel. Dafür leuchtet seine künstlerische Intensität mit einer Kraft, wie es der hellste Fixstern am Firmament nicht vermag.
Offenes Ich

Es ist absolut berührend, wie Chocolate Genius Inc. da am Klavier sitzt und die einzelnen Töne immer länger werden lässt. Die Töne steigen auf wie Seifenblasen, verflüchtigen sich aber nicht, bleiben in der Luft stehen. Man hält die Luft an. Ist hilflos. Und freut sich kindisch, wenn sie endlich platzen dürfen. Eine solche Stimmung spannt er über den gesamten Abend. Es ist ein stetiges Auf- und Abbrausen der Gefühle. Wie bei einer Springflut, die sich nach dem angstvollen Höhepunkt in der Weite der ruhigen Ebbe fast spurlos verliert. Mit jedem Lied schält sich Chocolate Genius Inc. aus einer weiteren Haut seiner Persönlichkeit. Bis nichts übrig bleibt, als sein offenes Ich. Das selbst noch durchsichtig wird und den Blick in seine Seele gestattet. Sie spricht von Liebe, Verlust und Krankheit. Von dem kurzen Moment der Freude, der aber sofort von der permanenten Unsicherheit gestohlen wird. So erzählt der Liederzyklus der elf neuen „Swansongs“ echte Geschichten. Die, die das Leben schreibt. In der kathartischen Piano-Ballade „Sit and Spin”, etwa, geht Chocolate Genius Inc. mit dem Gefühl um, dass sein Vater kurz vor der Vollendung des Liedes starb.

„Meine Stücke müssen all das erzählen“, verdeutlicht er „denn mein Leben und meine Musik sind untrennbar verbunden. Ich kann nicht sagen, von acht Uhr morgens bis Mittags lebe ich, dann bin ich von 12 Uhr an bis 14 Uhr Musiker und danach kehre ich in mein Leben zurück. So gibt es auch keinen Plan für die Geschichten. Sie finden einfach statt und ich protokolliere sie in der Musik.“

Die Stücke sind deshalb auch puristisch.

„Manchmal beruhen sie auf simplen Bluesvariationen“, bekennt er, „eine Form, die ich früher nie verwendet hätte. Unser ganzes Zuhause war voller Bluesmusik. Allein schon aus jugendlicher Opposition hätte ich Blues nie angerührt. Doch jetzt, ein weniger älter und ein wenig weiser, beginne ich die Stärke der einfachen Struktur zu entdecken.“

Dieses insgesamt organisch Gewachsene macht die Kompositionen so ehrlich. Aber nicht traurig. Die Stücke vom Album „Swansongs“ sind positiv. Sind sogar romantisch.



Maskierte Romantik

Romantik ist durch ihre innewohnende Sehnsucht immer übermächtig und vielschichtig.

„Das muss sie nicht sein“, stellt Chocolate Genius Inc. im Anschluss an das Konzert klar, „Sehnsucht richtet sich immer auf etwas, was nicht da ist. Ich gestalte Romantik, mit dem, was ich habe. Ich improvisiere aus der Idee heraus. Auch der kleine Notenbaukasten enthält Bausteine. Die Kunst liegt darin, sie so zu verwenden, dass sie Größe ausstrahlen, in ihrer Einfachheit, durch ihre Entschlossenheit.“

Chocolate Genius Inc. demaskiert die Romantik und kleidet sie neu ein. Mit gelebter Menschlichkeit. Statt mit diffuser Sehnsucht. So schafft sein Klavierspiel, sein Gitarrenklang und auch seine Stimme Raum. Er stopft ihn nicht proppevoll. Lässt das Wenige wirken. Damit bleibt ungemein viel Platz für den Hörer. Aus dieser Erkenntnis resultiert auch sein Verhältnis zum Live-Publikum.

„Ich gehe nie mit einer Setliste auf die Bühne“, weckt Chocolate Genius Inc. großes Erstaunen, „denn ich kenne das Pub-likum vorher nicht. Und ich will dem Hörer den angesprochenen Raum auch von der Bühne herab geben. Ich greife zum Instrument und spiele instinktiv das erste Lied. So entwickelt sich der Abend aus dem Zweigespräch heraus.“

„Swansongs“ steht als letztes Kapitel in der Reihe mit „Godmusic“ von 2001 und der 2004 erschienenen Platte „Black Yankee Rock.“ Chocolate Genius Inc. schürt mit der Vorlage des letzten Trioteils die Neugier, welchen künstlerischen Neustart dieses Ende wohl provozieren wird?

Aktuelles Album: Swansongs (No Format / One Little Indian / RTD)



Chocolate Genius + s.a. Brokof, 17.11.2010 Lido, Berlin (Einziges Konzert in Deutschland!)
© 01. November 2010  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Kate Sterlin
November 2010

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