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REVOLVERHELD - Ärsche hoch!

Als Revolverhelden sich im TV noch mit einer Pferdestärke durch die Welt bewegten, galten Männer wie John Wayne als Idole ihrer Zunft – singen konnten sie allerdings nicht. Heute, wo PS in kw angegeben werden, kommt ein moderner Revolverheld in Farbe über große Flachbildschirme daher; er sieht gut aus, überzeugt zudem noch durch eine Stimme...

..die nicht nur das Sprachrohr seiner Gruppe ist, sondern gleichfalls das Organ seiner Generation sein könnte: Johannes Strate erläuterte der Westzeit verbal in den schönsten Farben seine Ansichten zur aktuellen Situation in unserem Lande, sowie dezidiert zu den Inhalten des neuen, dritten Revolverheld-Longplayers „In Farbe“. Aber die frohen Farben täuschen. Der Markt für (physische) Tonträger hat sich erheblich minimiert. In diesen Zeiten der Rezession klagen viele Unternehmen in der Medienbranche über schwindende Umsätze. Strate sieht die gegenwärtige Situation eher als Ansporn.

„Bei uns ist es so, dass wir in den letzten Jahren unheimlich viele Songs mit einer positiven Aussage geschrieben haben. Wir sind total dankbar für das Leben, welches wir führen. Das wir uns von morgens bis abends mit Musik beschäftigen können. Das es so gekommen ist, ist ein riesiger Glücksfall. Als im letzten Jahr die große Wirtschaftskrise kam, haben wir gemerkt, dass wir mit dem Album einen Gegenpol zur gegenwärtigen Situation geschaffen haben. Natürlich, vieles geht den Bach herunter. Doch die Leute sind so wahnsinnig im Selbstmitleid ertrunken, dass wir das irgendwann unerträglich fanden. Es ist wie im Stau. Wenn du mittendrin stehst, brauchst du dich nicht darüber aufzuregen. Weil du in dem Moment nichts daran ändern kannst. Selbstmitleid hilft dann nicht weiter. Es wäre am besten, eine Aggression zu entwickeln, und `jetzt erst recht´ zu sagen. Es ist auch eine Chance. Ich bin jetzt `herausgefahren´, um etwas zu machen. Dieser Aktionismus hat mir etwas gefehlt. So ist irgendwann das Album auch geworden. Ein sehr positives Album, das ein bisschen sagt, `macht was draus´! Nicht hinsetzen und heulen, sondern erst was tun!“

Strate hatte das Glück, in eine Musikerfamilie hineingeboren (die Mutter ist Pianistin, der Vater Sänger / Gitarrist) zu sein. Mit 10 Jahren begann er, Gitarrenunterricht zu nehmen, um mit 14 die erste eigene Formation Second Floor zu gründen, die später in Privat umbenannt wurde. Mit Privat zog er durch regionale Clubs in der Nähe seines Heimatortes Worpswede, jobbte währenddessen zwei Jahre als Pizzafahrer im Nachbarort Grasberg; machte Abitur und Zivildienst. 2002 folgte der Umzug nach Hamburg. Als Strate dort den „Popkurs“ (www.popkurs-hamburg.de) der Musikhochschule belegte, und den HSV-Fan Jakob Sinn (Schlagzeug) kennenlernte, war der Grundstock zur jetzigen Karriere gelegt. Sinn holte Strate in seine Band Manga (der Name musste jedoch aus rechtlichen Gründen schnell abgegeben werden), zu der seit dieser Zeit noch Florian `Flo´ Speer (Bass), Niels Grötsch (Gitarre, Gesang) sowie Kristoffer Hünecke (Gitarre, Gesang) gehören. Erste Erfolge stellten sich schnell ein. Im Jahre 2004 spielte das Quintett unter dem Namen Tsunami Killer den Song „St. Pauli“ für die „Heimvorteil“-CD (Major Records / Edel; siehe auch Westzeit 11.2004) zu Ehren des dortigen Hamburger Fußballclubs ein. Nach dem verheerenden Unglück am 26.12.2004, als ein Tsunami große Teile Thailands zerstörte, wechselten sie zu ihrem nun bundesweit bekannten Namen.

„Lang ist´s her... das ist wirklich Vergangenheit, hat mit Revolverheld nichts mehr zu tun. Es war natürlich ein unglücklicher Name vor dieser Wahnsinns-Naturkatastrophe. Was jetzt in Haiti passierte, stellt alles allerdings noch einmal in den Schatten.“

2005 erhielt Revolverheld einen großen Plattenvertrag, Tourneen im Vorprogramm von u.a. Silbermond folgten. Das selbstbetitelte Debut-Album schoss sofort nach der Veröffentlichung auf einen sensationellen 10 Platz in die deutschen Charts! Bei Stefan Raab´s „Bundesvision Songcontest 2006“ galoppierten die Musiker für das Bundesland Bremen mit „Freunde bleiben“ an die zweite Stelle des Rankings.

2007 kam die zweite CD „Chaostheorie“, für dessen Single-Auskopplung „Ich werd´die Welt verändern“ gar Video-Dreharbeiten in Kapstadt organisiert wurden. Den bisherigen Höhepunkt erreichte die Gruppe, als der Deutsche Fußballbund darum bat, den offiziellen DFB-Fansong zur Europameisterschaft aufzunehmen. „Helden 2008“ wurde nach dem leider (gegen Spanien) verlorenen Finale am Brandenburger Tor mit der Nationalmannschaft im Rücken gar vor 500.000 Menschen live performt.

„Der Anruf des DFB war für uns die größte Ehre! Wir sind riesige Fußball-Fans, ich bin mit Werder (Bremen) groß geworden, habe sogar einmal `Lebenslang Grün-Weiß´ eingesungen. Das schließt aber St. Pauli nicht aus. Der Verein ist total sympathisch, hier in der Stadt gleich um die Ecke, und ich bin sogar mit (St. Pauli-Fußball-Profi) Marcel Eger befreundet, habe einen engen Draht zum Verein, weil ich mit („deren“ Organisation) Viva con Aqua zusammen arbeite. Ich mag die Jungs unheimlich gerne, mein Herz ist aber auf jeden Fall grünweiß.“

Auf dem Cover der neuen CD trägt Strate jedoch die roten Farbstreifen....

„Mit ´In Farbe´ wollen wir Farbe in die graue Welt bringen. Nicht klagen, einfach anpacken. Mal etwas wagen. Ich habe das Gefühl, die Leute sind so `schisserig´ geworden. Sie trauen sich nicht mehr, ein Risiko einzugehen. Ich glaube, genau darauf kommt es an – auch mal wieder verrückt zu sein. Davon erzählt unsere Single ´Spinner´ - einfach einmal seine Träume durchzusetzen, etwas Verrücktes zu starten. Gerade, wenn man auf die Schnauze fällt, auch wieder aufzustehen! `Spinner´ ist vom Gefühl die Spitze des `In Farbe´- Eisbergs, weil der Song dieses positive Lebensgefühl eigentlich genauso rüberbringt. Gegen Widerstände angehen, nicht sofort einzuknicken. Es ist ein bisschen auch unsere Geschichte. Uns gibt es jetzt seit 7 Jahren; alle haben uns für verrückt erklärt, als wir gesagt haben, wir machen jetzt Musik, schmeißen die ganze Kohle zusammen in eine Kasse! Das `Spinner´- Video ist genau so geworden. Dazu sieht man viele Freunde von uns. Der Kamera-Nerd ist ein Mitbewohner, die Blonde die Freundin von Kris. Die mit dem Messer ist meine Freundin. Sie ist eine Schauspielerin.“

In Anlehnung an den ersten Revolverheld-Hit „Generation Rock“ wird Strate damit konfrontiert, scheinbar der „Generation Party“ anzugehören.

„Nicht nur“, verteidigt sich der so Gescholtene. „Ich würde sagen, unsere Generation ist mittlerweile eher die `Generation Flexibel´. Man muss sich ständig auf eine neue Situation einstellen, ständig verliert man seinen Job. Ständig verändern sich die Vorzeichen um einen herum. Das ist, was bei uns im Moment maßgeblich ist – Arsch hochkriegen, was aus dem Leben machen!“

Da könnte ein Song wie „Mein Leben ist super“ subjektiv fast schön beängstigend authentische Züge haben... „Nicht alles für bare Münze nehmen! Natürlich ist das ein sehr übertriebener, ironischer Text.“

Der aber dennoch ein Highlight aus dem Leben von Johannes Strate verarbeitet(e): Unterwegs in den USA, durfte er einer Rede des just gewählten neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Barack Obama, beiwohnen.

„Am Tag der Wahl bin ich in Chicago gelandet. Da habe ich mir eine Karte gekauft, und konnte so seine Rede live sehen, als er gewählt wurde. Er hat mich tierisch beeindruckt. Ich konnte sein Gesicht sehen, es war eine sehr emotionale Stimmung!“

Der Tenor dieser Rede spiegelt ja irgendwie auch das, was Johannes Strate mehrmals im Verlauf dieses Interviews dezidiert forderte: „Alle-samt mit anpacken!“

Also, lieber Johannes: Wir wünschen Dir einen wunderbaren 30. Geburtstag am 17. März, und hoffen, dass Du beim Revolverheld-Auftritt im Juni beim Hurricane-Festival einen Wirbelwind an Aufbruchstimmung wirst entfachen können, um unserem Land mit Deiner Euphorie einen Schub in eine bessere Zukunft vermitteln zu können! Dankeschön!

Aktuelles Album: In Farbe (Sony Music ) VÖ: 12.03.
Weitere Infos: www.revolverheld.de
© 03. März 2010  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe ||| Foto: Michael Petersohn
März 2010

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