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DONOTS - Endlich zuhause

Auf dem Land laufen die Uhren anders. Zuweilen gar nicht. Das könnte eine Erklärung für das grandiose Ergebnis der Studio-Arbeit der Donots sein. Die Prinzipal-Studios in Senden liegen zwar in der Nähe von Münster. Aber sonst mitten auf dem platten Land. Die Gebäude des alten Hofes liegen in der Landschaft wie ein Etwas mit Nichts drumherum. Hier haben sich die fünf Ibbenbürener eine zeitlang niedergelassen und live, fast ohne spätere Überarbeitungen, ihre neuen Stücke eingespielt.

Meilenstein von gigantischer Größe

Die Studiotür geht auf. Alle Augen richten sich auf mich. „Der will jetzt also unser neues Album hören“, könnten die schweigenden Augen gar nicht lauter sagen. Sie gehören dem Brüderpaar Ingo und Guido Knollmann. Ihres Zeichens Sänger und Tastenmann sowie Gitarrist. Sie gehören Alex Siedenbiedel, Jan-Dirk Poggemann und Eike Herwig an Gitarre, Bass und Schlagzeug. Nach acht CDs und vier DVDs sollte man sich solch einer Situation doch relaxt und entspannt stellen können. Doch wie sind die Donots drauf? Hibbelig wird hin und her gerutscht, die Hände geknetet oder die Unterlippe fest an die Zähne gepresst. Ingo Knollmann tritt vor und schiebt am Pult den Regler hoch. Und los knallt es. „Changes“, das Eröffnungsstück ist eine Ansage. Und was für eine. Mit voller Wucht fährt das Lied aus den Boxen. Fixiert dich kurz und zieht dich in die Produktion hinein. Gnadenlos. Drei Minuten, zweiundzwanzig Sekunden lang. Keine Atempause. Es folgt die aktuelle Single „Calling.“ Hier scheint wirklich Geschichte gemacht zu werden. Die bisherigen Radioeinsätze bestätigen es. Und statt abzubremsen wird beschleunigt. Höchstgeschwindigkeit? Weiß man’s? Beim zweiten Stück ganz sicher nicht. Aber es deutet sich ein Spannungsbogen ab, der einen jetzt schon mit Macht in den Hörsessel drückt. Einer, dessen Steigung sich schon jetzt in Richtung Senkrechte bewegt. Ist das auszuhalten? Nummer drei wird es zeigen. „Forever Ends Today“ lässt es ruhiger angehen und ist eine tiefe Verbeugung vor den 80ern. Eine Hymne ist es auf jeden Fall. Eine auf Stadionniveau. Mein versonnenes Grinsen lädt die Musikergesichter ein, sich zu entspannen. Doch mein lapidar dahin gesagtes „wenn es die restlichen Stücke schafften, diesem bisherigen Parforceritt bis zum Schluss kantig die Sporen zu geben, habt ihr einen Meilenstein von gigantischer Größe produziert“, lässt die Gesichter wieder zu Stein erstarrt zurück.



Die unglaubliche Inspiration des Nichts

Von stillstehender Zeit in ländlichem Nichts war eingangs die Rede. Nachdem auf der letzten Platte „Coma Chameleon„ sich die Unentschiedenheit Raum gegriffen hatte und die Stücke zügellos in alle Richtungen strebten, hat Besinnung stattgefunden. Einkehr. Wohin ließe es ich besser einkehren, als in die stillstehende Zeit und das Nichts. Denn philosophisch kann das Nichts nämlich durchaus als existentielle Erfahrung gedacht werden. Im Sinne Heideggers und Sartres wäre es allemal. Warum also nicht auch im Sinne der Donots? Beim Anhören der CD „The Long Way Home“ wird deutlich, dass für die Donots abwesende Zeit und leerer Raum nicht frei von Ereignissen waren. Durch sie haben sie ihre neue Basis gefunden. Von dort aus hat ein neuer musikalischer Aufbruch seinen Ausgang genommen. Und eine Duplizität der Ereignisse stellte sich auch ein. Der Aufbruch ist gleichzeitig ein Ankommen. Der lange Weg nach Hause eben.



Weiter auf wilder Fahrt

Bisher waren es erst drei aus elf. Wieder angeschnallt und weiter geht die wilde Fahrt. „High&Dry“, die Gitarren werden hochgerissen und alles rennt melodisch versöhnlich in Richtung alte Donots-Stücke. Vielleicht das Schlüsselstück? Dann geht die Reise nach Irland. Warum? Warum wohl? Zum Saufen? Vielleicht. Aber zumindest zum Saufliedsingen. The Pogues stecken grinsend hinter allen Notenhälsen, „Let It Go“, hätte ihnen auch prima zu Gesichte gestanden. Dreckig und rotzig. So sindse halt die Iren. Sind wir nicht schon in den schnellst möglichen Galopp verfallen. Nö! „Dead Man Walking“ zeigt, es geht noch schneller. Viel Schneller. Und noch eins zeigt sich, Donots geht auch mit Tuba. Die Kiepenkerle haben Blut geleckt und feuern mit „Make Believe“ eine Gitarrensalve nach der nächsten ab. Und Sänger Ingo Knollmann muss man voller Respekt zurufen: „Gut gebrüllt Löwe.“ Doch es geht auch schlicht, einfach und klassisch. Rockklassisch: „Who Are You.“ Lagerfeuerromantik zieht mit „The Years Gone By“ herauf. Der Himmle hängt voller Banjos und Mundharmonikas. Krasse Romantik hat bei den Donots noch nie lange gehalten. Hält auch diesmal nur zwei Minuten. Als Durchlauferhitzer, der schon über den Siedepunkt schießt „Hello Knife“ daher. Großes Finale. Ganz großes Kino. „Parade Of One“ ist die reine Opulenz. Da dürfen dann auch schon mal Streicher ran.

Das war Nummer elf. Puh! Aufatmen, Kopf kurz durchschütteln und ohne Zögern beide Daumen hoch. Die Mission der Neuerfindung der Donots ist geglückt. Kompliment. Als die Studiotür hinter mir wieder ins Schloss fällt, wage ich einen Blick durch das Fenster. Da stehen sie, die Donots, versammelt rund ums große Pult, um den Stücken den allerletzten Schliff zu verpassen. Diesmal sind sie es die versonnen lächeln.

Aktuelles Album: The Long Way Home (Solitary Man Records / Indigo) VÖ:
© 01. März 2010  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
März 2010

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