interviews
kunst
artexpo
cartoon
konserven
liesmich.txt
filmriss
dvd
vorlesungs-
verzeichnis

cruiser
agenda
live reviews
stripshow
lottofoon
kontakt
THE BRIAN JONESTOWN MASSACRE - Meine Musik, die Beatles und ich

Nach zwanzig Jahren Bandgeschichte haben The Brian Jonestown Massacre sich komplett unabhängig gemacht. Eigenes Studio, eigenes Label – keine Angst vor falschen Freunden. „Wir feiern trotzdem nicht Geburtstag, dass kostet nur unnötig Zeit“, betont Frontmann Anton Newcombe, während er in der Berliner 8 mm-Bar Kette raucht und einen Cappuccino nach dem anderen schlürft.

Das Phänomen ist schwer greifbar, die Referenzen vielfältig. The Brian Jonestown Massacre achten seit ihrer Gründung im Jahre 1990 penibel darauf nicht vereinnahmt zu werden und trotzdem zitieren befreundete Bands und Kollegen sie immer wieder als Einfluss: Spiritualized loben den schroffen Rock, der Black Rebel Motorcycle Club mag das unkonventionelle Songwriting und selbst Bob Dylan-Produzent Daniel Lanois outete sich als Fan.

Den Brian Jonestown Massacre-Chef Anton Newcombe lässt das kalt, er mag keine Fragen zur Bedeutung seiner Musik.

„Alben aufzunehmen ist wie Mathematik: Du musst einer gewissen Logik folgen und schon ergeben sie sich wie von selbst“, gibt er zu Protokoll und weiß am besten, dass diese Aussage so nicht stimmt.

„Doch, genau das ist es. Als ich für die neuen Songs ins Studio gegangen bin, gab es nicht mal eine Idee, wie das Ganze am Ende klingen soll.“

Und so wirkt das neue Studioalbum „Who Killed Sgt. Pepper?“ wie ein wilder Jam oder eine ungezügelte Studio-Session um zwei Uhr morgens – mit stampfenden Beats, sägenden Gitarren und allerhand Samples.

Trotzdem bleibt Newcombe stur und beharrt darauf, dass Emotionen und Gefühle beim Brian Jonestown Massacre zweitrangig sind: „Wenn du jemanden Free Jazz spielen lässt, der kein Instrument beherrscht, klingt das vollkommen anders, als wenn John Coltrane das macht. Er kennt die Logik seines Instruments im Gegensatz zum Laien.“

Doch an dieser Stelle soll es nicht um John Coltrane gehen, denn „Who Killed Sgt. Pepper?“ ist der derzeitige Schmelztiegel im Schaffen des Brian Jonestown Massacre. „Über Musik zu sprechen, ist wie zu Architektur tanzen“, bemüht Newcombe den alten Frank Zappa und langsam fragt sich man sich, wohin dieses Interview führen soll?

„Zu der Erkenntnis, dass diese Lieder nicht erklärbar sind. Sie stehen dort drüben und wir können ihnen zuhören.“ Wohl wahr: Während des Interviews läuft Newcombes neues Machwerk leise im Hintergrund und immer wieder springt der quirlige Frontmann hoch und sagt, „Geil, diesen Song mag ich besonders.“ Das Selbstvertrauen scheint ungebrochen.

Was nicht allein oben erwähnten Bands zu verdanken ist, sondern auch mit Bob Dylan zu tun hat. Dem größten Songwriter aller Zeiten soll sein düsteres 1997er Meisterwerk „Time Out Of Mind“ nur deshalb gelungen sein, weil der verantwortliche Produzent einige Brian Jonestown Massacre-Alben im Studio laufen ließ. Damit Dylan verstehe, worauf es ankommt.

„Das ist wirklich passiert, nur würde es Bob Dylan niemals zugeben. Er spricht ja wenn überhaupt nur von Künstlern, die vor seiner Zeit liegen – uns gibt es noch nicht so lange“, stellt Newcombe die Sache klar und kann abschließend doch eine Frage zum neuen Werk „Who Killed Sgt. Pepper?“ beantworten: Der Titel habe nämlich nichts mit den Beatles zu tun, die Songs ebenso wenig.

Es geht viel mehr um den falschen Mythos der überall verbreitet wird. Denn um ein Rockalbum handle es sich beim Namens gebenden Beatles-Werk nicht:

„Ich kann die Rezeption der Platte schwer nachvollziehen. Das ist Popmusik, hervorragende Popmusik, aber kein Rock, wirklich nicht. Deswegen liefere ich jetzt die Rockplatte für Herrn Sgt. Pepper.“

Wie schön, selbst die Musikgeschichte kann Anton Newcombe vor dem totalen Supergau retten und obwohl er einen außerordentlichen Hang zur Selbstüberschätzung pflegt, bleibt er ein grundsympathischer Typ.

Nur das Problem mit dem Kettenrauchen und die vielen überzuckerten Cappuccinos sollte er überdenken. Aufgedreht ist der Brian Jonestown Massacre-Kopf so schon genug und stellt dies anno 2010 eindrucksvoll unter Beweis.

Sgt. Pepper sei dank.

Aktuelles Album: Who Killed Sgt Pepper? (A-Records / Cargo)
© 01. März 2010  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth
März 2010

Links

suche