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SELIG - Traumfenster

In einem Viertel von Hamburg, wo Drogensüchtige zum Alltag gehör(t)en, sitzen 4/5 der in Originalbesetzung reformierten, kommerziell sehr erfolgreichen Kultband Selig in einem gepflegtem Hotel. Sie empfangen die Journaille entspannt in der Bibliothek. Besagte Örtlichkeiten könnten fast ein Gleichnis zum produzierten Sound darstellen: Was in den 90ern wie ein Hilfeschrei aus dem Drogensumpf klang, erschallt 2009 schön wie ein lyrischer Traum...

Wo das dritte Selig-Album „Blender“ 1997 nach Horrorvisionen klang, da wirkt das neue, vierte Studiowerk „Und Endlich Unendlich“ glückselig, verträumt. Beruhigende Percussions stehen im Gegensatz zum abgedrehten Gegniedel der vergangenen Dekade. Leo Schmidthals (Bass) erkundigt sich, welche CDs der Discographie („Selig“ 1994; „Hier“ 1995) zum Vergleich herangezogen worden waren. „Ja, bei `Blender´ war schon der Wurm drin. Da waren wir nicht ganz so zusammen, dass hört man.“ Christian Neander (Gitarre): „`Blender´ war der Abgesang!“ Die Band hatte sich seinerzeit bei den Aufnahmen zur besagten CD in New York zerstritten. Jan Plewka (Gesang): „Genau, da ist das auseinander gegangen. Es war so, wie du das beschrieben hast. Wir hatten das Düstere natürlich auch gelebt, in uns eingesogen. Es hat 10 Jahre gedauert, bis wir hierher gekommen sind. Mit der neuen Platte fangen wir wieder an zu genesen.“ Stephan `Stoppel´ Eggert (Schlagzeug): „Sie klingt positiv, entspannt. Es war ein wunderschöner Sommer in Berlin. Wir hatten Frieden geschlossen miteinander. All das klingt mit hinein. So konnte keine drogenfinstere Platte entstehen.“ Plewka: „Die Zeiten sind so düster, da muss man nicht noch düstere Musik dazu machen, sondern etwas Erhellendes hineinsetzen. Selig haben immer für Träume plädiert.“ Schmidthals: „Man soll seine Träume, die ganz realen Träume, über das 27.Jahr hinweg retten. Wenn man jugendlich ist, hat man –manche nennen es so- Flausen im Kopf. Doch man sollte von dieser kleinen Rebellion immer ein bisschen bei sich behalten.“
Die Rebellion gegeneinander aber ist vorbei. In den vergangenen 10 Jahren haben sich die Musiker untereinander kaum gesehen. Neander hatte sporadischen Kontakt zu Malte Neumann (Keyboards). Plewka und Eggert spielten zusammen bei Zinoba und TempEau, ihnen kam am Küchentisch die Idee zur Reunion. Eggert greift den `bösen´ Stimmen vor: „Sprich es ruhig aus...“ Neander: „Eine schlechte Reunion lässt sich mit Geld nicht bezahlen! Für mich war das damals eine ganz besondere Zeit. Deswegen wollte ich es ausprobieren, dass man zusammen Musik macht.“ Schmidthals: „Das war relevant! Nicht so ein popeliger Vorschuss! Heutzutage sind die Vorschüsse nicht mehr so wie früher.“ Bei den Konzerten wird es einen Mix aus dem gesamten Repertoire geben. Plewka: „Aber wir haben uns nicht getroffen, um nur die alten Lieder zu spielen, sondern um weiterhin zusammen zu arbeiten!“ „Immer wieder“ ist ein Ergebnis dieser neuen Kooperation. Plewka: „Der gleiche Fehler - immer wieder. Es kommt im Text auch vor. Ich sabbel manchmal zuviel. Ich rede zuviel, blablablablabla. Bis irgendwie alle freundlich lächeln, tschüss sagen. Wieder zuviel geredet! Das ist mein Fehler. Ein Benehmen, wo ich mich nicht gut unter Kontrolle habe. Warum mache ich diesen Fehler immer wieder?“ Doch nicht nur das eigene Leben dient(e) als Inspirationsquelle. Plewka: „`Schönster Weg´ ist inspiriert von der `Winterreise´ von Schubert. Da geht einer los, weil er seine Liebe verloren hat. Er zieht in die Welt hinaus, um sie dort zu finden, obwohl sie nicht mehr da ist. Das ist der schönste Weg... Der führt ihn heute Nacht noch zu ihr. In die Träume, und in den Wahnsinn....“
Die Reunion von Selig, die Existenz von „Und Endlich Unendlich“ führt jedoch nicht in den Wahnsinn, sondern definitiv ins Traumland! Träume von ehemaligen Teenagern werden Realität. Ein besonderer Beweis findet sich im Forum der Selig-homepage. Dort schreibt z.B. „Schnippah“: „YIIIIIEEEEAAAHHHHH!! Das ich das noch erleben darf! Erst habt ihr mir beim `Großwerden´ geholfen und jetzt helft ihr mir auch noch beim `Altwerden´! Freue mich wie Hupe, dass ihr wieder da seid...“ Ein Lächeln huscht über die Gesichter der anwesenden Selig-Mitglieder. Sie haben es irgendwie geschafft, in schwierigen Zeiten den Menschen Glücksmomente zu bescheren. Sie können entspannt genießen, sie haben die innere Ruhe zurück. Was man von der lauernden Journaille nicht behaupten kann. Während in der Bibliothek des Hotels Interviews stattfinden, streiten vor der Tür zwei Journalisten um ein Interview...
AKTUELLES ALBUM: UND ENDLICH UNENDLICH (UNIVERSAL)
Weitere Infos: www.selig.eu
© 01. April 2009  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe
April 2009

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