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KILIANS - Hasen im Haifischbecken

Es ist schon ein seltsamer Anblick, diese jungen Burschen in dem großen Plattenfirmenkomplex. Wenn sie nicht so gut betreut werden würden, gingen sie sicher verloren, in den endlosen Weiten des Majorlabyrinths. Aber wer diese Jungs als ahnungslose Dorfdeppen und orientierungslose Greenhorns abstempelt, hat doch keine Ahnung! Denn im Gespräch mit Sänger Simon den Hartog und Gitarrist Arne Schult zeigt sich: Die Kilians sind Realisten mit Ortskenntnis und Weitblick.

„They Are Calling Your Name“ heißt ihre neue Platte. Es ist ihr zweites Studioalbum und der Titel beschreibt treffend das, was diese Band in den letzten zwei Jahren erlebt hat: Jeder sprach von den Boys aus Dinslaken, den Ziehkindern von Thees, den Strokes vom Niederrhein. Ein beachtlicher Turbostaat war das, den das Quintett hinlegte, ohne dabei gravierend auf die Nase zu fallen oder am Ende auf dem Rücken zu landen.

„Wir haben in den letzten zwei Jahren das gemacht, was wir wollten. Wir haben uns da durchgekämpft und alles genossen. Wir sind zufrieden – und wenn man irgendetwas bereuen müsste, wäre es dumm, sich nun noch damit aufzuhalten”, resümiert Arne. Solch ein Reflektionsergebnis ist nicht selbstverständlich, wurde diese Band doch aus der Provinz auf die großen Bühnen dieser Republik geschubst und ins kalte Majorwasser geworfen. Derartiges kann gefährlich enden, denn als Nichtschwimmer verlässt man das Haifischbecken nur selten unversehrt. Aber die Kilians haben tapfer ihr Seepferdchen-Abzeichen gemacht, nur fragt sich: Wie kommt man als Kleinstadt-Abiturient mit dem ganzen Wirbel klar? Mit Tomte, Babyshambles, The Cooper Temple Clause, Wir Sind Helden und den Beatsteaks Auge in Auge im Backstagebereich, daran kann man sich schnell gewöhnen. Und auch die Nominierung für die „1Live Krone“ als bester Newcomer 2007 kann man mitnehmen, begießen und auch schnell wieder abhaken. Was macht man aber, wenn dieser ganze Wahnsinn und all die Dauer-Aufmerksamkeit wegbrechen, wenn Tour und auch Schulschonzeit vorüber sind?

Erstmal muss man sich aus der Post-Tour-Depression heraushieven, nach Ablenkung suchen. Warum also nicht studieren, so wie alle anderen auch; also ein bisschen eben. Mehr als ein Abtasten für den potentiellen Plan B soll das momentan ja gar nicht sein, dafür fehlt Zeit und Muße. Aber immerhin.

„Uns ist natürlich völlig klar: Das Musikerdasein ist schön und gut, aber es kann kein Dauerzustand sein. Irgendwann kommt der Punkt, an dem etwas passieren muss. Irgendwann wird der Tag kommen, an dem du nicht mehr nur Musik machen kannst.“

Die Weitsicht eines frischen Twens, die überraschen mag, für Simon aber eine ganz normale Entwicklung ist. Eine Entwicklung, die sich in jedem Lebensweg seiner Bandkollegen finden lässt und deshalb auch nicht unerheblich für ihr neues Album ist. Arne sieht das ganz ähnlich:

„Bei der ersten Platte waren wir Schüler, haben eigentlich kaum etwas hinterfragt. Nun ist das anders. Wir sind zwei Jahre älter und jeder muss sich auf seine Weise finden. Da muss man sich eben Gedanken machen.“

Meine Güte, das klingt ja fast nach einer vorgezogenen Midlife Crisis, nach dem Hinterfragen der eigenen, doch noch so jungen Existenz! Aber will man diese Boys Erwachsenenmusik machen hören?

„Nein, nein,“ ist sich Simon sicher. „Wir klingen nicht erwachsen, aber durchaus erwachsener als auf unserer ersten Platte.“ Das lief zunächst einmal ohne Masterplan ab. Die Kilians schrieben Song für Song im Proberaum, luden Produzent Swen Meier für ein paar Tage ein und setzen das Album als Ganzes erst im Studio zusammen.

„Uns war es von Anfang an egal, ob da nun eine Single dabei ist oder nicht. Wenn es keine gibt, aber trotzdem zwölf starke Songs auf dem Album sind, ist doch alles bestens.“

Natürlich gibt es Meinungen, die das anders sehen, als Simon hier statuiert. Meinungen, die nicht immer aus den eigenen Reihen kommen, sondern oft auch von außen. Nahm man derartige Anmerkungen und Weisungen früher eher ungefragt hin, macht man sich im zweiten Anlauf nun schon viel mehr einen Kopf und bittet zum Diskurs. Deshalb haben die Kilians auch ihren A&R heranzitiert. Es war ihnen wichtig, dass nicht ein Stichwortkatalog voller Verbesserungswünsche mit der Bitte um Umsetzung im Posteingang landet, sondern der Plattenfirmengesandte sich ins Studio bequemt, wenn er denn Vorschläge zur Disposition stellen möchte. Für manche normal, für andere unvorstellbar – für die Kilians ein erster Schritt.

„Da muss man irgendwann eine Hassliebe entwickeln. Wir haben schon sehr darauf gepocht, dass wir all das auch so umsetzen können, wie wir uns das vorstellen. Natürlich muss man sich aber auch eingestehen, dass wenn man haargenau das umsetzen will, was man machen möchte, dann ist man hier an der falschen Adresse. Aber wir haben uns für diesen Weg entschieden. Und das ist gut so.“

Sind Entscheidungshilfen als produktive Vorschläge gemeint, sind sie im Hause der Kilians äußerst willkommen. Swen Meier, der auch schon ihr erstes Album und diverse andere von Kettcar, Tomte, Olli Schulz und dergleichen produzierte, ist da ein wichtiger Mann in ihrem kreativen Schaffen.

„Der Produzent ist allgemein sehr wichtig, wenn man ein Album schreibt und aufnimmt. Er sagt wie es gemacht wird, er gibt das Tempo vor.“

Was nach einem Zitat aus einem Musikpraxisguide klingt, aber aus Arnes Mund kam, ist in der Tat nicht unerheblich. Denn natürlich muss man als Band, außer man weiß zu 100% wohin die Reise gehen soll, mehr oder weniger strukturiert vorgehen. Mit einem Ziel vor Augen und einer offenen Sichtweise für Neues. Meier macht’s möglich, denn mit ihm ist der Dialog gegeben, in dem man Ideen gemeinsam verwirklichen, aber auch demokratisch ablehnen und verabschieden kann. Und das ist ein wichtiger Punkt, denn die Kilians wissen, dass andere Meinungen wichtig für den eigenen Fortschritt sind. Auf sie muss man sich einlassen, wenn man als Band eine Platte macht.

„Kompliziert wird es aber eben dann“, so Simons Erfahrung „wenn jemand in deine Idee reinredet. Egal wie es gemeint ist, im ersten Moment ist das immer schwierig. Aber wir sind zum Glück keine Idealisten, die auf ihr Kunstwerk beharren. Wir sind Realisten, die zum Dialog bereit sind.“

Erwischt, hier reden definitive erwachsene Kerle, ja fast schon alte Hasen! Ihre Ideen sind klarer, ihre Ansprüche formulierbar, ihr Sound differenzierter und ihre gesamte Herangehensweise professionell. Daran nicht ganz unschuldig ist eine Form von Gesprächserweiterung via Standortveränderungen. Das Entkommen aus der „Kleinstadtinzucht“ hat ihnen gezeigt, dass es andere Themen als jene gibt, die man im Dorfclub zum Gespräch macht. Ohne einen Funken Überheblichkeit in der Stimme, betonen die Jungs, wie wichtig für sie und auch ihre Musik die Erfahrung gewesen ist, sich nicht mehr nur im Kontext einer Kleinstadt zu sehen. Das Spektrum, aus dem sie mittlerweile schöpfen können, hat sich dadurch erheblich erweitert. Weil sie herumgekommen sind, viel erlebt haben und beobachten konnten, was nun verarbeitet, aufbereitet und beschrieben werden will. Das ist das, was nach dem Trubel langsam an der Oberfläche auftaucht.

„Es ist ja allein schon ein Fortschritt, dass ein Text von mir überhaupt eine Aussage hat. Das ist doch mal was, wenn eine stringente Geschichte erzählt wird. Das hatten wir bei der ersten Platte nicht. Ich denke, dass wir in vielen Dingen viel mehr Weitsicht haben. Allein die Tatsache, dass ich vor drei Jahren noch nie in Berlin war. Mittlerweile hab ich hier schon Ortskenntnis, kenne Leute, bin gerne hier. Angenommen diese gesamte Bandgeschichte wäre in fünf Jahren vorbei. Dann hätten wir in jedem Fall ganz viel gelernt, was man in keinem Studiengang dieser Welt und auch nicht in Dinslaken lernen kann. Allein das Unterwegssein und die Möglichkeit, an fremden Orten zu sein und sich mit fremden Leuten auseinandersetzen zu müssen – da nimmt man ganz viel mit!“

Ihre Hörner haben sie sich trotz dieser urbanen Erweiterung noch nicht gänzlich abgestoßen, da geht noch einiges und das ist auch gut so. Aber nach all dem rustikalen Kraulen sind sie kurz aufgetaucht, um Luft zu holen. Für den Sprung zurück ins Haifischbecken. Denn selbst wenn sie ihre Feuertaufe bravourös bestanden haben, wartet nun die eigentliche Prüfung auf sie: Das Freischwimmen nach dem großen Hype.

Aktuelles Album: They Are Calling Your Name (Universal) VÖ: 03.04.
© 03. April 2009  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister ||| Foto: Ingo Pertramer
April 2009

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