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SILVER JEWS - Verworrene Nummern

Es ist ja nun bereits satte vier Jahre her, seit David Berman, der alte Silver Jew sich aufraffte, uns eine CD zu kredenzen. Irgendwo vermutete man da ja schon einen Durchhänger – und deswegen überrascht es dann auch nicht wirklich, dass das neue Werk klingt, wie ein Neuanfang. Nur: Was führte dazu und warum dauerte es so lange? David redet dann nicht lange um den heißen Brei herum, sondern räumt mit bemerkenswerter Offenheit ein, dass er mit einer ausgeschlafenen Identitätskrise zu kämpfen hatte.
"Nachdem ich die letzte Scheibe, ´Bright Flight´ herausgebracht hatte, wusste ich nicht mehr, wie es weitergehen soll", gesteht er, "ich saß nur noch stumpfsinnig herum und merkte, dass ich zu dieser gescheiterten Figur geworden war, die verpassten Möglichkeiten hinterher trauert. Etwas, das ich niemals hatte werden wollte. Ich durchlebte eine lange Phase, in der ich keinen Grund zum Leben mehr erkennen konnte. Ich habe mir dann eingeredet, dass ich das, was ich immer machen wollte, bereits gemacht habe und dass es keinen Grund für mich gäbe, weiterzuleben."

Es folgte dann tatsächlich ein Suizidversuch im Drogennebel, der aber insofern etwas Gutes hatte, als dass Davids Frau Cassie (ihres Zeichens übrigens die Bassistin von David Pajo´s Papa M und natürlich heute bekennende Silberjüdin) ihn dazu überreden konnte, eine Reha-Maßnahme anzugehen, nachdem er im Krankenhaus aus dem Koma aufwachte.

"Danach war mir zwar erst mal nicht zum Schreiben zumute", meint David, "es war aber das erste Mal seit ich 16 war, daß ich mich wieder gut fühlte und clean war."

Schließlich aber, indem er eher zufällig zur Gitarre griff und laute Rockmusik spielte, fand er wieder zur Musik zurück.

"Das Gitarre-Spielen machte mir auf einmal Spaß", erinnert er sich, "und es war auch das erste Mal, dass ich zum Spaß Gitarre spielte. Jetzt war mir auch klar, was ich an meiner Musik ändern musste. Mein Songwriting war nämlich auf die 6 oder 7 Akkorde in derselben Tonart limitiert gewesen, die ich zu spielen im Stande bin. Und ich denke, daß mir schon klar war, dass ich auf den ersten Scheiben immer eine Variation der ersten CD machte. Das ist vollkommen anders als bei meinen Gedichten, mit denen ich praktisch überall hingehen kann. Mit der Musik bin ich also immer limitiert gewesen. Das wollte ich jetzt ändern. Es ging darum, das, was ich machte intensiver zu betreiben. Und ich wollte meine Geschichte, meine Erlebnisse als Anlass nehmen, mich den Leuten mitzuteilen. In meinem Land gibt es gerade nicht genügend intelligente Leute, die Verantwortung übernehmen, die verängstigte, verunsicherte Leute bestärken können. Wir brauchen mehr Künstler, die die Kultur dazu verwenden, ihre Verantwortung zu nutzen. Ich habe also beschlossen, daß ich mein Privatleben aufgeben will, um anderen meine Geschichte zu erzählen und dadurch anderen Mut zu machen."

Und welches ist die Botschaft, die David Berman als Vorbildfigur vermitteln möchte?

"An diesem Punkt kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass ich daran glauben möchte, daß es ein Morgen gibt", überlegt er kurz, "Gott habe ich allerdings noch nicht gefunden. Das macht aber auch nichts, denn wenn Du den Leuten erzählst, dass Du Gott gefunden hast, dann hören sie Dir nicht mehr zu. Ich habe also immer noch Probleme, mich der Gegenwart Gottes zu versichern, aber wie bei so vielen Leute in dieser Situation, half mir dieser Zustand auch, meinen emotionalen Schutzwall abzubauen und mich zu öffnen."

Das hört sich ja ganz so an, als habe sich David Berman nun aus dem Nummerngeflecht seines Lebens befreit, oder?

"Nicht ganz aber fast", führt er aus, "Tanglewood´ ist der Name einer Straße in der Nähe von meinem Wohnort, auf der ich während der Aufnahmen spazieren ging - wobei ich viele wichtige Entscheidungen traf. Die Nummern im Titel der Scheibe beziehen sich auf die Songs – ´numbers´ als Slang für ´Musik-Nummern´. Und außerdem ist es ein Verweis auf das vierte Buch der Tora, das auch Nummern beinhaltet."



Aktuelles Album:

Tanglewood Numbers (Drag City/Rough Trade)
© 01. November 2005  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer
November 2005

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