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MASHA QRELLA - Befreiungsschlag

Neue Adresse, neue Lebensumstände, neue Freiheiten: Zwischen Selbstbewusstsein und Understatement ist Masha Qrella mit ihrer neuen LP ´Keys´ ein großer Wurf gelungen, ein nahezu perfektes Popkunstwerk, das alte musikalische Stärken und neue, betont private Perspektiven vereint und dabei die Einzigartigkeit der Berlinerin im hiesigen Indie-Kosmos einmal mehr eindrucksvoll unterstreicht.

Neu ist auf ´Keys´ auch, dass die Texte stärker in den Vordergrund rücken, mit denen Masha ungewohnt direkt Abschiede und Neuanfänge thematisiert und sich ihrem Publikum mehr denn je öffnet, ja offenbart.

„Die Texte der neuen Platte sind mir sehr wichtig“, verrät sie bei unserem Treffen vor ihrem Auftritt in der Düsseldorfer Kassette Anfang April, „wahrscheinlich haben sie deshalb auch im Mix so einen Stellenwert bekommen.“

Erzählte sie auf ihren früheren Platten wohlüberlegte, aber oft fiktive Geschichten, sind viele der neuen Texte spürbar näher dran an ihrem Leben und tragen deutlich autobiografische Züge.

„Gerade auf der Platte davor gab es Songs, die ich für einen Film geschrieben habe oder für ein Theaterstück, bei denen die Thematik nicht aus meinem Leben gegriffen war, bei denen ich mir einfach Gedanken zu einem bestimmten Thema gemacht habe“, erinnert sie sich. „Dieses Mal war das ganz anders.“

Musikalisch führt sie derweil mit Leichtigkeit die Ansätze zusammen, die sie auf ihren drei bisherigen Platten mit Songs aus eigener Feder stets getrennt voneinander verfolgt hatte. Die skizzenhafte Reduziertheit ihres Debüts ´Luck´ (2002), der elektronische Experimentalismus von ´Unsolved Remained´ (2005) und die Rückbesinnung auf die Kraft des Songwritings bei ´Analogies´ (2012) verschmelzen auf ´Keys´ wunderbar organisch zu einer sparsam und dennoch facettenreich instrumentierten ´Disco der Innerlichkeit´, wie Mashas Label so schön zum neuen Album schreibt. Singer/Songwriting-Momente treffen auf Pop mit dezentem 80er-Jahre-Flair, nüchterne Situationsbeschreibungen paaren sich mit sanfter Melancholie und Verletzlichkeit.

„Mir war schnell klar, dass ich die Gitarre rausschmeißen wollte“, sagt Masha über ihre musikalische Herangehensweise. „Ich wollte mit Bass und Beat ein Gerüst bauen, das man nur noch partiell auffüllen muss, bis es steht. Ich wollte die Songs auch wieder ein bisschen leerer haben, weil mir auf dem letzten Album einfach die ´leeren Momente´ gefehlt haben. Früher habe ich die besser hergestellt, und dieses Mal habe ich gezielt danach gesucht.“

Diese Suche geht sie heute befreiter und gelassener an als in der Vergangenheit, denn natürlich hat sie in den letzten zwei Jahrzehnten viele Erfahrungen sammeln können. Mit dem bahnbrechenden Schaffen ihrer Bands Mina und Contriva schlug sie eine Brücke vom Postrock zum Clubsound, und auch als Solistin war sie stets wandlungsfähig.

„Ich glaube schon, dass ich über ziemlich viele Umwege ein bisschen was gelernt habe“, sagt sie lachend. „Ich bin jetzt auch einfach relaxter und hatte dieses Mal ein gutes Gespür dafür, wann es richtig war, die Songs in Ruhe zu lassen, oder die Momente zu erkennen, in denen es gut war, noch etwas daran zu machen.“

Deshalb brauchte sie bei der neuen Platte auch keine Rückmeldungen von außen, vom Label oder von einem Co-Produzenten, denn sie fürchtete, das würde sie nur durcheinanderbringen. Kein Wunder also, dass in ´Keys´ mehr von Masha steckt als je zuvor. Sie spielte nicht nur den Großteil der Instrumente allein, sie produzierte die LP auch selbst und übernahm sogar die Abmischung.

„Früher habe ich mich begrenzt gefühlt, weil ich dachte, ich brauche jemanden, um eine Platte fertig zu machen“, gesteht sie.

„Dass ich es auch allein kann, war für mich eine sehr coole Erkenntnis. Mit jemand anders zu arbeiten, sorgt ja auch für Druck, denn du musst deine Vision verteidigen. Ich bin ja nun kein superdominanter Typ, und deshalb bin ich in der Vergangenheit manchmal nach Hause gekommen und dachte: Aber ich wollte doch etwas ganz anderes, was ist denn da schon wieder passiert? Diese Situation hab ich mir dieses Mal einfach geschenkt.“

Aktuelles Album: Keys (Morr Muisc / Indigo)
Weitere Infos: www.mashaqrella.de
© 01. Mai 2016  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld ||| Foto: Diana Näcke
Mai 2016

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