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BLOC PARTY - Das kontrastreiche Spiel einer Bombe

Natürlich muss man mit Gordon Moakes über Radiohead sprechen. Nicht, weil diese Band seine eigene namens Bloc Party zuweilen musikalisch inspiriert hat, sondern auch, weil es die Art der Plattenveröffentlichungen beider Bands nahelegt. Gut, dass man mit dem sympathischen Bassisten der Briten aber auch noch über andere Dinge sprechen kann, wie über das für ihn neue Gefühl, Vater zu sein und ein wichtiges Spiel voll intimer Kontraste.

So, wie es damals die musikalische Medienwelt überraschte und in Unruhe versetzte, so ausgelutscht scheint dieses Thema mittlerweile auch schon wieder zu sein. Ja, Radiohead haben mit ihrem „In Rainbows“-Releasekonzept einen schlauen, mutigen und visionären Schritt getan. Auch wenn das nicht der Weisheit letzter Schluss sein wird und alles weniger revolutionär und positiv für die Musikindustrie ist, als man meint, muss man selbstverständlich darüber reden. Denn zur Gewohnheit ist diese Art und Weise, ein Album zu veröffentlichen, noch nicht geworden. Auch „Intimacy“ schlug ein wie eine Bombe: Ohne Vorankündigung teilten Bloc Party mit, dass man quasi übermorgen das neue Album weltweit zur Veröffentlichung freigeben werde. Keine Pressenbemusterung, keine Promovorläufe, sondern jeder sollte gegen einen schmalen Betrag das Album online bekommen können. Eine demokratische Sache, solch ein Blitzrelease:

„Der Hauptgrund für uns war eigentlich, dass wir selbst nicht warten wollten,“ erklärt Gordon diesen Schritt. „Bei dem letzten Album fühlte sich die Zeit von der Fertigstellung des Albums bis hin zum Release nicht gut an. Es erschien uns wie eine niemals enden wollende Ewigkeit.“

Und dieses Mal wäre die Zeit sogar richtig lang geworden, denn überschlägt man grob all das Promotion-Pipapo, dann wäre der „normale“ Release von „Intimacy“ mitten im Weihnachtsgeschäft gelandet, wo man auch als gestandene Indierock-Größe nicht untergehen möchte. Das hätte geheißen: Nochmals schieben und irgendwann Anfang 2009 das Ding raushauen.

„Diese Gedanken haben uns sehr frustriert. Und weil wir auf einem Level sind, an dem wir uns erlauben können, frei zu entscheiden, was wir mit unserem Album machen, haben wir nach einem anderen Weg gesucht.“

Clever ist das allemal, siehe Radiohead – nicht zuletzt deshalb, weil jede Bomben-Mittelung auch die größte Aufmerksamkeit mit sich bringt, die sich eine Band dieser Größenordnung wünschen kann. Ist das also der neue, effektivste und kostengünstigste Release-Weg der Zukunft?

„Vielleicht ist das, was wir mit unserem neuen Album ausprobiert haben, in zwei Jahren auch schon Normalität. Wer weiß!? Ich glaube aber, dass es Plattenfirmen immer schwerer haben werden – auch, wenn sie für junge Bands nach wie vor unentbehrlich sein dürften.“

Somit landet man wieder an dem Punkt, an dem man in der Radiohead-Diskussion schon strandete. Also erzähl etwas Neues, Gordon, berichte von dir! „Ich bin seit kurzer Zeit Papa. Solche Sachen verändern wirklich etwas, speziell den Blick auf das, was du tust.“ So gut, wie sich sein Vatersein für ihn anfühlt, so zufrieden und glücklich ist er auch mit dem neuen Album seiner Band:

„Diese Platte ist für mich sehr ehrlich geworden. Ehrlich hinsichtlich dessen, wo wir sind und wer wir sind. Sie ist spontaner, weniger konstruiert. Man hört mehr Sounds und jeden von uns als individuellen Musiker heraus. Und ich glaube, dass sie dadurch auch kantiger und stärker geworden ist.“

Gordon hat Recht, denn „Intimacy“ eckt an und lotet Extreme aus. Nur so schafft es diese Band erneut, nicht Teil des Allerwelts-Indierock zu sein, sondern für sich zu stehen.

„Wir brechen es nicht übers Knie, aber ich glaube, allein der Umstand, dass wir immer weniger Musik aus dem Bereich hören, zu dem wir gezählt werden, trägt eine Menge dazu bei.“

Völlig klar, denn eine Missy Elliot-Platte bringt ganz sicher auf andere Gedanken, als ein Maximo Park-Album.

Und so ist das neue Bloc Party-Album ein rundes, wenngleich auch in sich ungehobeltes geworden. Es tut manchmal weh, versöhnt aber schnell, es schubst in die Kälte, nimmt aber stets bei der Hand. Exakt diese Wechselspiele hat die Band gesucht, um Unterscheide und Extreme unter einen Hut zu bringen. Dieses Spiel zeigt Bloc Party so, wie man sie mag: unbequem und kontrastreich. Und ist es nicht genau das, was Intimität ausmacht? Diese Extreme und Kontraste wie Liebe und Hass, Leben und Tod, Nähe und Ferne, Zärtlichkeit und Aggression. Und mal ehrlich: Interessiert doch nicht die Bohne, wie die Vertonung des Zusammenknalls solcher Gegensätze veröffentlicht wurde.

Aktuelles Album: Intimacy (V2 / Universal)
© 01. November 2008  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister
November 2008

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