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THE WALKMEN - Reflexionen vom beschädigten Leben

Obwohl man im Schatten oft am angenehmsten steht, haben die amerikanischen Dunkelrocker von The Walkmen ein Problem damit. Auf ihrem neuen Album "You & Me“ arbeiten sie daran, Licht am Ende des Tunnels zu erhaschen und die trostlose Zukunft in einen besseren Ort umzuwandeln. Gute Voraussetzungen dabei: die Lernbegierigkeit der Band und das Talent ihres Sängers Hamilton Leithauser, der in letzter Zeit ein paar Leichen zu viel im Keller angesammelt hat.

Man stelle sich vor, Beck würde mit seinem in sich gekehrten Meisterwerk "Sea Change“ zu Roy Orbison gehen und ein Coveralbum verlangen - und man bekommt eine ungefähre Vorstellung, wie rastlos es in den Songs von The Walkmen zugeht. Eine Band, die den Status "Kritikerliebling“ bislang nicht ablegen konnte und weiterhin unverwüstlich am kommerziellen Erfolg arbeitet.

"Ich bin trotz allem sehr zufrieden mit unseren letzten Etappenergebnissen: Wir haben zumindest bei den Musikjournalisten in Europa einen guten Stand“, erklärt Chefvorsteher Hamilton Leithauser ohne große Rührung und ärgert sich plötzlich doch ein wenig über sich selbst.

"Wir haben auf unsere Plattenfirmen nie den nötigen Druck ausüben können und zu oft klein beigegeben. Ich meine, The Walkmen waren seit ihrer Gründung nur einmal außerhalb von Amerika auf Tour und das noch weit vor unserer ersten Veröffentlichung in Europa. Ein Flop - und mal ehrlich, wer schaut sich aus reinem Interesse eine Band an, von der er nichts kennt?“

Die Gegenfrage liegt auf der Hand: Warum denn nicht? Schließlich fand die Band schon lange vor ihrer ersten und bislang einzigen Deutschlandtour im Jahre 2001 in den Gazetten statt. Viel gelobt wurde vor allem die Kompromisslosigkeit, mit der The Walkmen ihren düsteren Indiepop vom Stapel ließen: Nichts bleibt nach dem Hören eines Albums dieser famosen Formation, so, wie es vorher war.

"A Hundred Miles Off“ aus dem Jahre 2006 ist der beste Beweis und lässt keinen Widerspruch gelten. Hamilton Leithauser erklärt die musikalische Philosophie dahinter wie folgt: “Ich kann nur mein eigenes Dasein als Voraussetzung für meine Songs nehmen und in dem Leben eines jeden Einzelnen sammeln sich über die Jahrzehnte die besagten Leichen im Keller an.“

Ein guter Anlass, ihr neues, viertes Meisterwerk "You & Me“ ins Spiel zu bringen.

Die 14 Großtaten erzählen, wie es ist getrennt und auf sich allein gestellt zu sein - die Zukunft vor Augen und die Vergangenheit knallhart im Rücken.

“Der Titel ist sicherlich irreführend, denn selbstverständlich bezieht sich ‚You & Me‘ nicht allein auf Zwischenmenschlichkeit. Es geht in eine andere, schizophrene Richtung - als würde sich der Mensch selbst gegenüber stehen können und ein richtiges Zwiegespräch hinbekommen.“

Viele reale Diskussionen fanden im Studio zwischen den einzelnen Mitgliedern von The Walkmen statt: Nachdem sich die Band vor zwei Jahren räumlich trennte und ein Teil nach Philadelphia zog, während der andere in New York blieb, mussten die Ziele neu abgesteckt werden. Ein schwieriger Prozess, wie ihr Frontmann erzählt.

“Nach drei gemeinsamen Alben ist der Abstand wirklich toll gewesen - nicht weil wir uns auf die Nerven gegangen sind, sondern wegen der Sache mit dem klaren Kopf. Jedoch sammelte ich in dieser Zeit andere Erfahrungen als der Rest der Band und musste meine Texte trotzdem an ihre Vorstellungen anpassen. Deswegen wusste niemand von uns, wo es mit „You & Me“ hingehen sollte!“

Wer den Songs auf dem Album aufmerksam zuhört, wird den suchenden Aspekt filtern können und verstehen, weswegen bei The Walkmen der Wandel die einzige Konstante ist. Ihr Sound versucht sich am Rundumschlag und hängt trotzdem nicht an der großen Glocke.

"Wenn sich Triumphe und Tragödien die Hand reichen, kommt die besagte Intensität von ganz allein zustande.“

Und genau das haben The Walkmen mit ihrem bislang besten Wurf namens bewerkstelligt.

Hier wird jeder sanftmütige Moment mit einem hitzigen Gefühlsausbruch negiert. Jede kleine Hoffnung auf ihren wirklichen Gehalt abgeklopft und niemand kann momentan so schön ein Lied vom Leid singen, wie Hamilton Leithauser. Brillanz soweit das Augen reicht!

Mit ein bisschen Glück, tanzen am Ende sogar die Leichen im Keller.

Aktuelles Album: You & Me (Talitres / Rough Trade)
© 01. November 2008  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth
November 2008

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