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CLUB OF HIGH EYEBROWS - "It has always been in my system."

Das Leben ist manchmal ein ziemliches Arschloch und die Presse noch viel mehr. Das dürfte der Grund sein sein, warum dies das erste Interview seit fünf Jahren ist, das Patrick Tilon, ehemals Mastermind der Crossover-Legende Urban Dance Squad, zu geben bereit war. Er gehörte zu jenen Musikern, die weder Ruhm noch Erfolg und schon gar nicht Negativschlagzeilen und verbale Schlammschlachten kleinkriegen konnten. Er ist der Mann, von dem ‚Rage Against The Machine‘ behaupten, dass er enormen Einfluss auf sie gehabt hat. ‚Do or Die‘ ist seine Attitude und Kompromisse nicht sein Ding. Wut ist die Sprungfeder, die ihn immer wieder neues ausprobieren ließ und alle Lästermäuler mit einem ‚Fuck off‘ abserviert.

Urban Dance Squad gehört der Vergangenheit an und mit Rap will er auch nichts mehr zu tun haben. Und all die, die sich eher an den Gedanken gewöhnen können, dass Pete Doherty seine Katze mit Crack füttert, als an die Tatsache, dass former Rudeboy Remmington mit seinem ‚Club of High Eyebrows‘ auf Indi-Pop-Pfaden wandelt, hat den punkrockigen Unterton verpasst, der auf seiner neuen Scheibe vorherrscht.

Das ist nämlich seine ursprüngliche Liebe: 77er Punkrock und wer nur ein bisschen Rebellion in sich trägt, erkennt, dass sich Patrick mit all seiner Energie und Unbeugsamkeit diesem Spirit vollkommen verschrieben hat:

„Wenn Du als Musiker schwarz bist, dann erwarten alle von Dir, dass Du Dich in ein Genre einfügst, dass mit Deiner Hautfarbe assoziiert wird, wie z.B. Rap, Blues oder Reggae, aber das Problem bei mir ist, dass ich mich absolut nicht schwarz fühle. Auch nicht weiß, aber ganz sicher nicht schwarz. Wenn ich Musik mache, dann bestehe ich nur aus Gesang, Geräuschen und Tönen. Es ist eine Möglichkeit für mich, die ganze Wut zu kanalisieren, die in mir steckt. Natürlich will ich auch gut klingen, aber vor allem möchte ich mich selbst einbringen, widersprüchlich bleiben: Ich will euch Schokolade mit Rasierklingen servieren. Ich hasse diese Diskussionen um Hautfarben, es hat nichts mit der Musik zu tun. Ich mag vielleicht farbig sein, aber das ist doch nur die Oberfläche, muss ich deshalb so fühlen wie andere Schwarze? Was hat das mit meiner Persönlichkeit zu tun?

Guck Dir doch nur Jimi Hendrix an, der war Mulatte und hat nie eine politische Position bezogen, obwohl die amerikanische Bürgerrechtsbewegung den Nerv seiner Zeit traf. Ich glaube nicht, dass der, wenn er Gitarre spielte auch nur eine Sekunde dran dachte, welche Farbe er hatte.“

Die Musikwelt wundert sich über die neuen Klangwelten, die Patrick Tilon zu erschaffen vermag und der ein oder andere Kleingeist wirft ihm mangelnde Authentizität aufgrund dieses Quantensprungs vor. Von Rap/Hip Hop zu New Wave/ Postpunk, das geht doch nicht.

„Mir waren Bands wie die Stranglers, die Undertones oder auch Elvis Costello immer schon viel näher als die meisten Hip Hop oder Rap Acts, von daher ist es für mich gar keine so große Veränderung. It has always been in my system. Jetzt habe ich eine Band, in der mein Herzblut steckt und ich muss mich die ganze Zeit erklären, weil mein musikalischer Background ja ein ganz anderer ist und ich von vielen auch als Verräter gesehen werde. Das schmerzt und ist mir manchmal auch peinlich. Urban Dance Squad waren zu ihrer Zeit eine Sensation und das hat mir natürlich sehr gefallen, vielleicht erschien es mir damals als zu simpel einfach nur Rock‘n‘Roll oder Punkrock zu machen, obwohl es eine Richtung ist, die ich lebe und die mir vielmehr bedeutet als einfach nur der Sound. Es ist alles: Es ist meine Art Menschen zu umarmen, die nicht rollenkonform leben wollen oder können. Ich liebe das Rauhe, ich habe immer noch diese Unruhe in mir. Als ich 1977 das erste Mal Punkrock hörte, da dachte ich‚ Wooow, das ist das Ende der Welt, als ich die Sex Pistols das erste Mal sah, hatte ich das Gefühl, die hat der Teufel geschickt! Ich brauchte einige Zeit, um das zu begreifen, aber dann wusste ich, dass ich einer von denen bin. Ohne das wäre Urban Dance Squad nie entstanden. Urban Dance Squad war eine Art Punkrockband. Wir spielten ziemlich rough, alles war möglich und keiner musste sich verbiegen. Und wir hatten nie diese Streitereien um Attitude oder Rock‘n‘Roll Egos. Etwas, was The Clash ja letztendlich zerstört hat. Jetzt habe ich zum ersten Mal in meinem Leben die Gelegenheit mit meinem besten Freund zusammen in einer Band spielen zu können und das allein ist klasse für mich, weil ich weiß, dass ich mich mit ihm niemals um Frauen, Geld oder Status streiten werde und das sind schließlich die Punkte um die immer gestritten wird. Es ist nicht so, daß uns das alles nicht interessiert, aber die Prioritäten haben sich verschoben. Jeder hat seinen Preis, aber meinen hat man mir noch nicht genannt.“

Mein Platz ist leider total begrenzt, also noch ganz kurz: Patrick Tilon ist einer der besondersten Menschen, die ich je gesprochen habe und wir sind uns einig: Lest ‚Redemption Song‘, die Story des Mannes der hinter allem steht: Joe Strummer!!!

Aktuelles Album: Older Now (Hazelwood / Indigo)
© 01. Dezember 2007  WESTZEIT ||| Text: Micky Repkow
Dezember 2007

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