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MATTAFIX - Was Dich und andere bewegt

„Big City Life“ - das kennt vermutlich jeder. Aber was haben Mattafix denn eigentlich sonst noch so gemacht? Nun, sie waren eineinhalb Jahre auf Tour, haben in rund 30 verschiedenen Ländern auf dieser Erdkugel gespielt und dementsprechend viel gesehen und erlebt. Marlon Roudette, einer der beiden Köpfe und Kämpfer dieses britischen Duos, weiß nun von manch guten, manch schlechten, aber stets bleibenden Eindrücken dieser Reise zu berichten. Auch wenn am Ende vom Lied ein weiteres Mal nur die ernüchternde Erkenntnis bestehen bleiben wird, dass auf diesem Planeten vieles nicht in Ordnung ist, so hat man eines doch geschaffen: Bewusstsein. Und darauf haben es Mattafix abgesehen.

Im Westteil von London gibt es eine Straße, die fest in der Hand von Tonstudiobesitzern ist. Dort regiert eine bunt gemischte Tonart den Kiz und man gibt sich die Klinke für wahlweise spontane oder eben auch bestellte Recordingsessions in die Hand. In dieser musikalischen Bronx kennt man sich, manchmal in- und auswendig, oft aber auch nur beiläufig oder rein zufällig. Marlon Roudette, in erster Linie ein Sänger, und Preetesh Hirji, zuvorderst ein Producer und Soundtüftler, crashten in dieser Hood vor einigen Jahren eher zufällig aufeinander:

„Wir sind dort damals förmlich ineinander gerasselt. Wir liefen uns zwischen all den Studios zufällig über den Weg, verstanden uns gut und hielten Kontakt. Zunächst war es nur eine Freundschaft, die aber darin gipfelte, dass wir zusammen Mattafix starteten.“

Start Your Own A Band leicht gemacht, könnte man meinen - aber nein, ganz so easy lief das alles natürlich nicht ab.

Das britische Duo arbeitete hart an seinem Debütalbum „Signs Of Struggle“, das 2005, angeführt von einer Single, in See stach. Die besagte Single „Big City Life“ kreiste durch alle Straßen, Diskotheken und Kopfhörer dieser Welt und machte Mattafix von Null auf Hundert zum globalen dicken Ding. Aber sollte es tatsächlich bei einer zweiköpfigen Eintagsfliege bleiben? Schließlich hörte man danach ja nicht mehr allzu viel von ihnen. Diese Stille täuschte allerdings und hatte seinen guten Grund, denn Mattafix umkreisten den Globus über eineinhalb Jahre und hüpften von einem Kontinent auf den nächsten. Unentwegt, rastlos und aufsaugend tourten sie durch fast drei Dutzend verschiedene Länder und demzufolge auch die unterschiedlichsten Höhen und Tiefen verschiedenster Kulturen und Regionen.

„Wir sind eineinhalb Jahre durch die ganze Welt getourt. Man sieht über solch einen langen Zeitraum so viele verschiedene Orte und Menschen, dass du danach bestimmte Dinge anders siehst. So etwas kann dir auf manch einem Gebiet die Augen öffnen und dann ist es auch ganz natürlich, dass man diese Erfahrungen und Erlebnisse in irgendeiner Form wieder ausdrücken oder weitergeben muss. Ich glaube,“ fügt Marlon rückblickend noch hinzu, „dass man auf dem neuen Album sehr viel von unserer langen Reise wiederfindet.“

Davon ist auszugehen, zumal Mattafix bereits während dieser Welttournee an neuen Ideen schraubten - fast täglich an ganz unterschiedlichen Orten und immer mit einem Kopf und Bauch voller verschiedenster Eindrücke.



Über einen Zeitraum von sechs Monaten versuchten sie all diese gesammelten Eindrücke nach ihrer Globusumrundung in London, Oxford und Johannesburg musikalisch festzuhalten. Das Erlebnisvertonungsergebnis nannten sie „Rhythm & Hymns“ und war „ein langer Prozess, den wir uns auch nur erlauben und leisten konnten, weil wir mit dem Album davor so erfolgreich waren. Das ist schon ein großes Privileg gewesen, hat aber auch nicht zwangsläufig alles einfacher gemacht hat“, sagt Marlon mit einem lachenden Auge. Mattafix' zweites Album ist also eindeutig ein Kind des eigenen Erfolges. Denn hätte es niemanden in Japan oder in Afrika interessiert, wäre das Duo niemals mit so vielen verschiedenen Menschen, Orten und Missständen in direkten und erlebbaren Kontakt gekommen. Glasklar, „Big City Life“ katapultierte und chauffierte Mattafix hinaus in die Welt, in an vielen Orten selbstredend Not, Elend und Gewalt herrschen. Wie zum Beispiel in Tel Aviv, wo Marlon, Preetesh und ihre Crew hautnah die Bedrohung durch Selbstmordattentate und Bombardierungen erlebten.

„Das war eines von vielen Schlüsselerlebnissen für mich. Solche Erlebnisse gehen dir sehr nah und begleiten dich lange.“

Und das, was Marlon nahe geht, findet auf irgendeine Weise immer seine Vertonung. Die Erlebnisse in Israel zum Beispiel inspirierten ihn und Preetesh zu „Shake Your Limbs“, den Opener des neuen Albums.

„All das, was dich als Person affiziert, affiziert dich als Songwriter. Länder, Menschen und Schicksale können dein eigenes Leben stark verändern. Und das spiegelt sich dann natürlich auch in den Songs wieder, die du machst. Ob nun in den Melodien und Strukturen oder aber auch in deinen Worten.“



Es sind unzählige, oftmals auch unbeschreibbare Eindrücke, die gute, wie auch schlechte waren, aber in den meisten Fällen eines für Marlon bleiben werden: prägende Impressionen. Demzufolge kommt es auch nicht von Ungefähr, dass Mattafix sich mit der ersten Single von ihrem neuen Album an einer Aktion beteiligen, die Menschen in Not helfen und Menschen im Wohlstand bewegen soll. Diese erste Auskopplung „Living Dafur“ ist eine Charity-Single, bei der sämtliche Künstler-Tantiemen für die Unterstützung der Arbeit der Hilfsorganisationen Oxfam, Crisis Action und die Save Darfur Coalition gespendet werden. Mattafix möchten dazu ihren Beitrag leisten und Menschen weltweit dazu bewegen, ihre Stimme für die Leidenden zu erheben und einen sofortigen Waffenstillstand von der Sudanesischen Regierung einzufordern. An ihrer Seite wissen Mattafix solch prominente Unterstützer wie Nelson Mandela, Matt Damon, George Clooney, Mick Jagger, Mark Knopfler und viele mehr.

„Mit der Single möchten wir“, so Marlon, „Bewusstsein schaffen und Aufmerksamkeit auf die Probleme dieser Region lenken.“

In der Region Darfur, dem westlichen Sudan, herrscht seit nunmehr rund vier Jahren ein Konflikt, der bis heute schon mehr als 200.000 Menschen das Leben gekostet hat. Diese Probleme haben Mattafix wiederum hautnah erleben können, als sie zum Videodreh in den Tschad geflogen waren und dort in einem Flüchtlingslager gewesen sind. Dort liegt erleb- und spürbar Menschliches und Unmenschliches, Schönes und Grässliches ganz nah beieinander.



Marlon und Preetesh sind also anscheinend mehr als nur zwei Typen, die sich zufällig in dieser Straße im Westen Londons trafen, Buddys wurden und Homies blieben. Hinter Mattafix steckt neben harter Arbeit, musikalischer Bandbreite und internationalem Erfolg auch ein gewisses politisch-humanistisches Engagement. Deshalb aber ihre Arbeit als politische zu bezeichnen, dagegen sträubt sich Marlon merklich:

„Nein, eine politische Band sind wir nicht. Wir sind auf diesem Gebiet sicher stark engagiert, aber deshalb sind wir nicht zwangsläufig eine politische Band. Wir haben eine globale Vision, die wir verfolgen und eine Message, die uns wichtig ist. Wir hoffen, dass wir durch beides etwas bewegen können - nicht mehr, aber auch nicht weniger.“

So wie Musik Menschen verbindet, sie zusammenbringt und anzieht, so kann sie Menschen auch bewegen. Und das ist die Mission namens Mattafix: Mittels Musik Bewusstsein für Missstände zu schaffen, Anstöße zu liefern und Veränderungen in Bewegung zu setzen. Denn auch wenn es ihr Name fälschlicherweise nahe legen könnte („Mattafix“ ist ein Slangausdruck, der im Sinne von „the matter has been fixed“ gebraucht wird), so gibt es doch noch viel auf diesem Planeten und für seine Erhaltung in Bewegung zu setzen. Mit Musik darauf aufmerksam zu machen, kann so falsch nicht sein.

Aktuelles Album: Rhythm & Hymns (Virgin / EMI)
© 03. Dezember 2007  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister ||| Foto: Thierry La Goues
Dezember 2007

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