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MONEYBROTHER - Vom Gefühl guter Nächte

2005 war sein Jahr. Als Everybody's Darling und Sarah Kuttner-Showgast auf Lebenszeiten hat sich der smarte Schwede Anders Wendin einen Namen gemacht: Moneybrother. Sein Album „To Die Alone“ schoss unter die Haut und in die Charts, wo es sich festsetzte und von dort aus europaweit die Herzen eroberte. Aber solch ein Erfolg ist natürlich nicht ohne und will erstmal verkraftet werden. Wie und wo Anders dies schaffte, Energie auftankte, Frischluft schnappte und neuen Elan für sein aktuelles Album fand, verrät er in einem Telefonat - am Strand.
Seine freien Minuten sind mittlerweile schon wieder äußerst rar gesät. Das neue Album ist im Kasten, gepresst und an die Presse verschickt. Erste Warm Up-Konzerte und viele Interviews stehen auf dem Plan, so dass Anders jede Sekunde ergreift, um durchzuatmen und die Ruhe vor dem Sturm zu nutzen. Warum also nicht ein Telefoninterview von dort aus führen, wo die Luft rein ist, den Kopf durchpustet und Gedanken weit hinausträgt? Anders steht irgendwo in Schweden am Strand, blickt aufs Meer und wirkt entspannt, zufrieden und ausgeruht:

„Natürlich hatte ich damals eine unbeschreiblich gute Zeit auf Tour. Aber ich habe währenddessen auch viel verloren. Das Schlimmste war, dass viele meiner Freunde und auch meine damalige Freundin unter den Verlusten waren.”

Über hundert Konzerte spielte Moneybrother im Zuge von „To Die Alone“ innerhalb eines Jahres. Als er dann nach Hause kam, gab es gleich an vorderster Front die größte Baustelle anzugehen: das eigene Leben. Es war an der Zeit, sich Zeit für sich zu nehmen und zum Leben, zum Privaten, ja zu sich zurückzukommen. Bis zum Herbst 2006 dauerten seine privaten Resozialisierungsmaßnahmen und langsamen Aufbauarbeit des eigenen Daseins im Innern, wie auch nach Außen. Anders kaufte sich ein Appartement in Stockholm, werkelte an dieser Hütte herum und ging dann wieder raus in die Welt. Aber nicht etwa, um die nächsten hundert Konzerte zu spielen, sondern um Inspiration zu finden, Neues zu entdecken und wieder etwas vom Leben zu kosten. Also machte er sich auf und reiste los, um neue Umgebungen aufzusaugen und neue Menschen kennen zu lernen.

„Natürlich wäre es klüger gewesen, wenn ich damals gleich ins Studio gegangen wäre und das neue Album heute schon seit einem Jahr in den Läden stehen würde. Mir ist klar, dass das ökonomisch weitaus cleverer gewesen wäre, aber ich brauchte Zeit. Ich wollte nicht hetzen, sondern in letzter Instanz einfach ein gutes Album machen, egal wann.”

Neben diesen persönlichen Erdbeben und Umwälzungen gab es zwischenzeitlich zu allem Überfluss auch noch etwas Ärger mit der Plattenfirma. Nicht gerade wenig Zeit und Nerven kostete Anders die Diskussion um „Pengabrorsan“. Dieses war eine Art Interims-Album, das komplett mit schwedischsprachigen Texten daherkam und dementsprechend ein international eher schwer loszuschlagendes Produkt war. So sah das zumindest die Plattenfirma damals und weigerte sich generell gegen diesen Release. Anders hingegen empfand diese Verweigerung als künstlerische Beschränkung und ließ die Anwälte richten. Vielleicht auch ein wenig diesem Nervenkrieg geschuldet, nimmt Moneybrother für den Release des neuen Albums in Deutschland nun erstmals die Hilfe eines Majors in Anspruch und ist trotz seiner alten DIY-Verwurzelung davon sehr angetan:

„Sie kümmern sich sehr, lassen mich aber auch tun und machen. Das ist gut so, das muss bei mir so laufen.“

Und wie steht es nun um die Musik? Kann man all die angerissenen Veränderungen, Zerwürfnisse und Neuanfänge auch auf „Mount Pleasure“ hören? natürlich. Denn das Album klingt nach frischem Wind, nach vollem Tank und neuem Gedankenelan. Während Anders sich in der Vergangenheit viele verschiedene Leute ins Studio eingeladen hatte, um zu schauen, wer von ihnen für diesen und wer für jenen Track der Beste sei, wählte er für dieses Album einen grundlegend anderen Ansatz.

„Ich wollte diesmal mit der Formation, mit der ich seit langer Zeit auch live auftrete, das Album aufnehmen. Das sind unglaublich gute Musiker und wir verstehen uns - musikalisch gesehen - fast blind. Warum sollte ich da nun noch großartig weitersuchen?“

Recht hat er, denn das Livegefühl ist zu hören und lässt das neue Moneybrother-Album so etwas weniger Singer/Songwriter-mäßig klingen. Back to the roots geht es hier ein wenig, in Richtung Album Nummer eins „Blood Panic“. Denn mehr Rock, weniger Pathos, mehr Pop, weniger Schmalz, mehr Lust und weniger Verlust schallen nun vom hedonistischen Berg.

„Ja, alles ist straighter und weniger schwermütig geworden. Es sind sogar einige ziemlich fröhliche Songs auf dem Album, was auf meinen bisherigen Platten nicht so häufig der Fall war. Aber das ist auch kein Wunder, denn in den neuen Songs steckt viel von diesem bestimmten Gefühl guter Nächte. Nächte an schönen Ort, Nächte mit guten Freunden, Nächte mit einzigartigen Momenten.“

Der Titel des Albums, im Übrigen einem Ort auf den Karibischen Inseln entliehen, ist also Programm, selbst für Anders Gemütszustand. Vielleicht auch, weil er fühlt, dass 2007 wieder sein Jahr werden könnte.

Aktuelles Album: Mount Pleasure (Sony/BMG)
© 01. September 2007  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister
September 2007

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