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GENEPOOL - Offene Beziehung

Wie sieht eine wirklich moderne Band aus? Sind Bands im klassischen Sinne überhaupt noch modern? Ist eine Formation heute nicht erst zeitgemäß, wenn sie als Projekt organisiert und die bestmöglichste Besetzung gecastet ist; wenn sie Popmelodien zur Unterhaltung eines größtmöglichen Publikums macht? Wörtlich genommen ist Genepool eine solche moderne Band. Nur über die Sache mit dem 80er Retroeinschlag müssen wir noch mal reden.

„Das mit den 80er ist so nicht geplant gewesen.“ Aber: „Außer Guido sind wir alle Kinder der 80er. Die waren angeblich so scheiße. Stimmt gar nicht. Da gab es großartige Bands.“

In dieser Zeit trieb sich Gitarrist und Produzent Thilo Schenk vornehmlich in der Hardcore-Punk-Szene herum. Also erinnert er sich spontan an die Bad Brains oder Black Flag. Aber auch Joy Division, Bauhaus, Einstürzende Neubauten und selbst Talk Talk und „Relax“ von Franky Goes To Hollywood finden Erwähnung.

Die Entwicklung seiner eigenen Band scheint vor diesem Hintergrund logisch. Die letzte Scheibe ging schon in die Richtung, war dabei nur eben punkiger.

„Wir wollten poppiger werden! Nicht um mehr Platten zu verkaufen, sondern weil es uns gefällt. Und wir wollten, dass die Mädchen tanzen. Das ist mit Punkrocknummern schwieriger.“

Vielleicht hat es auch mit dem Alter zu tun – hat sich der Mitdreißiger auch schon gefragt. Klar scheint auf jeden Fall, dass viele Bands, die schon länger dabei sind, gefälliger werden. Und das kann nur einen Grund haben: „Weil schöne Melodien einfach geil sind! – Klar soll es auch Arschtreten. Aber das tut es ja auch. Und live ist das sowieso immer anders.“

Die Entstehung eines Albums ist allerdings das genaue Gegenteil von live spielen. Besonders bei einer Band, deren Mitglieder über die ganze Republik verstreut leben. Sänger Jack Letten zum Beispiel, den sich die Formation mit Smoke Blow teilt, lebt in Kiel, Thilo in Köln. So wurden Ideen im Heimstudio vorproduziert, per Internet hoch und andernorts wieder runter geladen, wurden um weitere Ideen ergänzt und wieder durch den Datenorbit gejagt. Klingt nach Arbeitsoptimierung, nach klaren Strukturen und stressfreien Aufnahmen im Studio. Oder nicht?

„Es war echt stressig! Wir können ja nicht ein- oder zweimal die Woche proben und dann merkst du bei den Aufnahmen auf einmal, der Schlagzeuger braucht eigentlich acht Arme – die hat er ja gar nicht.“

Nachdem das Gleichgewicht zwischen Studioarbeit und Bühnentauglichkeit gefunden war, standen zwölf Stücke, die eins gemeinsam haben:

„Es ist immer wie nach einem Uhrwerk und das soll es auch sein. Es soll straight sein, es soll immer marschieren. Daher auch der deutsche Titel. Wir wollen schon damit ein Statement abgeben, dass wir nicht den Amis oder den Briten nacheifern. Man hört eigentlich, dass die Platte nicht von Briten ist, weil sie nicht dieses komische Beatles-Ding hat, wie die Briten das immer haben. Das war jetzt nicht abwertend gemeint. Aber diese Art Harmonien zu schreiben, das ist halt eindeutig für die Insel und dann sollen die das auch machen. Die können das auch besser als wir.“

Und wie eine Bekräftigung dieses Statements verwandelte sich das Stück „Dead Radio“ im Studio fast ganz von alleine. Zuerst war es ein normaler Rocksong mit Gitarren und Gesang, jetzt ist es ein maschinelles Interludium, ein Bekenntnis zu Kraftwerk, Gradlinigkeit und einer gewissen Kälte – oder zu Eigenständigkeit und Offenheit.

Zu der musikalischen Aussage gesellt sich nahtlos die inhaltliche. In den Texten finden sich tendenziell düstere Geschichten, die, wie der Gitarrist drucksend zugeben muss, eine leicht negative Haltung bergen. Das entspricht aber nicht der Grundhaltung, die aus der Summe entsteht:

„Das Leben ist nicht unbedingt schwierig, aber es ist auch nicht unbedingt leicht. Und eigentlich geht es darum, dass jeder machen soll, was er will, dass jeder er selbst sein soll. Solange er kein Nazi ist, ist es okay. Das ist ja eigentlich das Punkding. Und das ist eigentlich das, wo wir alle herkommen.“

Dieser Haltung entspricht auch die Bandorganisation, diese gewisse Offenheit.

„Ursprünglich war es so gedacht, dass Letten nicht der einzige Sänger ist.“

Da waren auch mal andere, so wie andere Schlagzeuger und Bassisten. Aber noch lange nicht jeder passte in das Gefüge. Die aktuelle Besetzung ist vielleicht nicht die letzte, aber die bisher homogenste. Und eins muss gerade der Bandgründer wissen:

„Es war schon immer eine Band! Aber eben wie eine offene Beziehung. Wir müssen nicht immer mit den gleichen ficken.“

Aktuelles Album: Sendung/Signale (Nois-O-Lution / Indigo)
Weitere Infos: www.genepool-music.net, www.myspace.com/realgenepool, www.noisolution.de
© 01. September 2007  WESTZEIT ||| Text: Ulf Kneiding ||| Foto: Jens Oellermann
September 2007

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