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GENEPOOL - Geschrei aus dem Auto

Hannover wirkte wie ausgestorben – alles bereitete sich auf den Trauergottesdienst zu Ehren von Fußballnationaltorwart Robert Enke vor. Er hatte sein Leben verloren... Und im Stadtteil Linden saßen nun 6 Musiker, um vor ihrem Gastspiel bei Chez Heinz über das neue Leben ihrer Band zu diskutieren...

Wahrlich kein einfaches Unterfangen. Und doch, trotz ehrlicher Betroffenheit, sollte das Leben weitergehen. Ursachen müssen verarbeitet werden, engstirniges Zurückblicken bringt niemanden voran. Nicht nur der geschockte Lokführer wird wieder in den Unglückszug steigen müssen. Für die Musiker heißt es ebenfalls „the show must go on“! Erinnerungen an die ersten beiden Alben „Everything Goes In Circles“ & „Sendung / Signale“ sind zwar okay, eine lange Diskussion darüber bringt aber nichts - schon gar nicht bei einer Band wie Genepool. Deren Mitglieder wohnen Hunderte von Kilometern verstreut in der gesamten Republik, zudem sind sie noch in anderen Bereichen der Branche aktiv. Guido Lucas (Bass) betreibt ein Label, ist - wie auch Thilo Schenk (Gitarre) - als Produzent tätig. Zeit wird intensiv genutzt, sonst läuft sie davon. Der LP-Name „Lauf! Lauf!“ hat jedoch mit natürlichem Fortschritt zu tun.

Schenk: „Eigentlich ist jedes Buch schon geschrieben. Trotzdem werden ständig neue Bücher verfasst, oft sogar sehr gute! Es ist alles längst gesagt. Jeder, der behauptet, er sei innovativ, ist es dann doch nicht! Wir gehen offen damit um, dass ein musikalischer Verlauf mit Geschichte nichts Schlechtes ist. Wir sind immer noch die gleiche Band. Klar, man hört einen neuen Sänger, und ich glaube, wir sind einen Tick fröhlicher als auf den ersten Alben.“

Schließlich ist Ex-Mink Stole-Kopf Ian Spehr nun erstmals für die Worte zuständig.

Spehr: „Die alten Genepool, ohne mich, würde ich unterschiedlich beschreiben. Der negative Aspekt – sie waren ´prolliger´. Positiv – sie waren ausgezeichnet direkt!“

Spehr hat nicht den , Gennieren. „Ich würde mich zwar schämen, wenn ein Text absoluter Schwachsinn ist, doch es ist besser, dass der Einstieg über die Musik geht. Danach ist eine zweite Ebene da, die es lohnt, zu entdecken.“

Aus Hörersicht haben Genepool sich viele geliebte Elemente zu Eigen gemacht, die man aber nicht direkt fixieren kann. Das gilt auch für das ebenfalls von Spehr entworfene Layout des Covers.

„Ich habe viel Kritik bekommen von Leuten, die sagten, dass ist ja kein Punk mehr. Es sieht aus, wie eine Modezeitschrift. Dabei erkennt man bei genauerem Hinsehen Bandporträts und laufende Roboter.“

Diese Ästhetik geht nicht mehr auf die Darkwave-Ära von Misfits zurück. XTC / Devo u.a. waren eher Paten.

Schenk: „Gestern haben wir die Wipers gehört. Unfassbar, wie die nach ´Genepool´ klingen.“

Lucas sieht die Roots in der deutschen Musikgeschichte:

„Neu!, LA Düsseldorf, Michael Rother, Kraftwerk, die NDW – all das ist in unseren Sounds verwurzelt. Bei der Instrumentierung haben wir versucht, amerikanische/englische Elemente wegzunehmen. Bei den Drums stellte sich nur die Frage – machen wir einen Neu!-Beat oder einen Off-Beat.“

Ausführende sind die Schlagzeuger Jens Küchenthal & Spiro Kotsomitopoulos. Beide sind seit der ersten CD dabei, nun jedoch erstmals parallel. Diesen Luxus leisteten sich früher u.a. bereits Abba (worauf Lucas dezidiert hingewiesen hat). Paco (Gitarre) krönt mit seiner Arbeit den prägnanten Genepool-Gitarren-Sound. Maßgeblich für diesen Klang sind subjektiv die neuen Songs „1979“, „Closer“ oder „L.U.N.A.“

Spehr: „´1979´ ist die Zeit, bevor die 80er angefangen sind. Über die 80er wurde viel geredet, über 1979 nicht. So entstand es aus einem Wortspiel heraus. Viele musikalische Wurzeln finden sich in dem Zeitraum.“

Lucas: „Du assoziierst `Closer´ mit Joy Division? Schon haben wir unser Ziel erreicht. Genau so ´doof´ ist das gedacht, dafür gemacht.“

Spehr: „Natürlich kommt da Joy Division ins Spiel, auch wenn es ein bisschen nervt, dass die kürzlich wieder so hoch gepuscht wurden. Sie waren toll, weil sie Dilettanten waren, gar nichts anderes konnten, als das, was sie gemacht haben. Sie haben nicht darüber nachgedacht, in der richtigen Zeit dafür gelebt. Heute kann man nicht mehr so naiv sein.“

Am Beispiel von „L.U.N.A.“ erläutert er aktuelle Herangehensweisen:

„Ich hatte mir eine pessimistische Beziehungskiste vorgenommen, Programme heruntergeladen. Wir haben uns untereinander Inhalte gemailt, es war spannend. Dann habe ich mir ein Musikprogramm für ´Blöde´ geholt, den Text eingesungen / eingeschrien. Dabei habe ich gemerkt, dass das zuhause schwierig war. Wenn du so schreist, dann merkst du mal, wie laut das ist! Also bin ich mit dem Auto, Laptop und Kopfhörer ins Grüne gefahren.... und... blaaaaablaaaaablaaaa.“

Lucas: „Das war technisch okay, ist teilweise so mit auf die Platte gekommen!“

Hört, hört...!!!

Aktuelles Album: Lauf! Lauf! (Rookie Records / Cargo) VÖ: 29.01.2010
Weitere Infos: http://genepool-music.net/
© 01. Dezember 2009  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe
Dezember 2009

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