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ICH+ICH - Strahlkraft der Einfachheit

Es ist immer wieder spannend zu erleben, was passiert, wenn Kreativstränge zweier unterschiedlicher Generationen neu verflochten werden. Davon kann bei Ich+Ich wohl mit Fug und recht gesprochen werden. Annette Humpe ist 59 Jahre alt und eine erfahrene Kämpferin an vielen musikalischen Fronten. Sie hat mit Neonbabies die Neue Deutsche Welle losgetreten. Sie dann mit Ideal zu intellektueller Blüte geführt. Mit DÖF dann die Musikpolizei herausgefordert. In Jazzgefilden hat sie sich auch getummelt. McJazz heißt das Stichwort. Aktuell ist das Album „Bass Me“ erschienen. Vor fast zehn Jahren aufgenommen, verschwinden die Aufnahmen erstmal im Giftschrank. Label-Chef Siggi Loch waren sie nicht jazzig genug und Annette Humpe nicht poppig genug. Jetzt dürfen die Hörer entscheiden.

Als Schreiberin und Produzentin profitieren von Annette Humpes Feder und ihrem Gehör neben vielen anderen Udo Lindenberg, Rio Reiser oder Die Prinzen. Adel Tawil hingegen ist 31 Jahre und ganz anders musikalisch sozialisiert. Sein musikalisches Erweckungserlebnis entstammt dem HipHop.

„Diese Einfachheit und auch das Raue, das hat mich in den Bann gezogen“, erinnert er sich. Ende der 90er Jahre durchläuft er die Boyband The Boyz. Und just in diesem Jahr nahm er mit Cassandra Steen den Song „Stadt“ auf.





Künstlerischer Gegenpol

„Gegensätzlicher kann man zunächst nicht sein“, lacht Adel Tawil. Doch ziehen sich Gegensätze nicht an? Beeinflussen nicht auch musikalische Gene, auf wen die Wahl für eine künstlerische Zusammenarbeit fällt? Ein kreativer Gegenpol bewirkt manch künstlerische Explosion. Da ist Adel Tawil völlig d’accord:

„Annette hat mir Bands näher gebracht, die ich vorher überhaupt nicht kannte, etwa Flash&The Pan und ich komme im Gegenzug mit neuen Beats um die Ecke.“

Hier findet also kein Krieg der Welten statt, sondern eine echte Begegnung. Die Musik stellt die Verbindung her. Durch den Austausch beider Welten entsteht der sofort erkennbare Ich+Ich-Sound. Und wie haben die Welten überhaupt Kontakt zueinander aufgenommen? Im Studio! Wo sonst?

„Ich habe einen Song produziert, zu dem Annette den Text geschrieben hatte“, blickt Adel Tawil ins Frühjahr 2002 zurück, „als es dann nicht so recht klappte mit dem Sänger, der ihn ursprünglich singen sollte, habe ich gesungen und Annette hat offensichtlich meine Stimme gefallen.“

Annette Humpe nickt: „Auch, aber nicht nur. Ich bin beispielsweise gar nicht gut in Grooves. Das kann Adel unheimlich gut, das habe ich damals sofort begriffen.“

Die Duo-Arbeit hat bis heute gehalten. Insgesamt drei Alben wurden aufgenommen. Das aktuelle heißt „Gute Reise.“ Die 12 Lieder haben erneut diese kleinen, klebrigen Widerhaken, die erst das Ohr umspielen, um sich gleich danach dort dauerhaft festsetzen und eine sirenengleiche Wirkung entfalten. Nach dem ersten Hören ist schnell klar, Ich+Ich zeigen keinerlei Auflösungserscheinungen. Eher weitere Verfestigungserscheinungen, die das Duo zukunftsstark machen.



Kreativer Output

Doch ein gutes Stück ist größer, als nur die Summe aus Text und Groove. Nichts, was man Ich+Ich erklären müsste. Deshalb lassen beide auch einen Blick in die Song-Werkstatt zu. Werkstatt klingt so nach harter Arbeit.

Dem Eindruck widerspricht Annette Humpe sogleich: „Wir haben ja so einen schönen Beruf, dass ich den gar nicht als Arbeit empfinde. Und ich beschäftige mich mit einem Text auch dann, wenn ich auf dem Markt Birnen einkaufe.“

Auch die neuen Stücke von Ich+Ich zeichnen sich durch eine je eigene Geschichte aus, die erzählt wird. Dazu bedarf es der Inspiration, des Musenkusses.

„Erst mal braucht man ja einen Einfall, der einen dort hin führt, worüber man dann schreibt“, erklärt Annette Humpe den Entstehungszusammenhang eines Stückes, „die Muse ist allgegenwärtig und kann überall zuschlagen. Dann weiß ich, die Geschichte möchte ich erzählen.“

So ist die Muse auch schon mal im Klamottenladen zugegen. Dort nämlich nimmt das Stück „Einer von Zweien“ erste Fahrt auf.

„Groß steht auf einem Werbeplakat, ‚Zwei für Einen’, darüber denke ich unmittelbar nach. Lasse der Inspiration Raum. Zunächst wird daraus ´Einer von Zweien´ und dann frage ich mich, was für eine Geschichte wird das wohl sein“, offenbart Annette Humpe den Weg eines Stücks, „ich versetzte mich dann in die fiktiven Personen hinein. Ich bin in diesen Augenblicken die jeweilige Person. Was macht der Eine? Und was der Andere, der Zweite? Traut der sich nicht soviel zu? Grübelt er zuviel?“

Ich+Ich haben das großes Privileg, ein zuhörendes Publikum zu haben. Der dargelegte Schreibprozess zeigt exakt warum. Es sind die Gefühle, die Ich+Ich bei den Zuhörern zum Schwingen bringen. Die Art und Weise, wie diese Ansprache passiert ist so sympathisch normal, so einfach. Und darin liegt die große Kunst.

„Ich kenne jedes in den Geschichten beschriebene Gefühl. Weil ich es kennen will und weil es an jemanden adressiert ist“, bekennt Annette Humpe, „es ist, wie Briefe schreiben. Ich bin dabei ganz sicher, dass andere Menschen, also auch unser Publikum, die gleichen Erfahrungen und Gefühle haben, wie ich. Ich freue mich dann, wenn ich sie erreiche. Alle. Auch die Zeitungsverkäuferin an der Ecke. Denn ich mache keine elitäre Musik. Das hat mich nie interessiert. Auch früher nicht. Ich schreibe nicht nur für Professoren. Auch nicht für den Underground oder die Musikpolizei. Ich gehe dabei auch ganz klar von mir aus. Songs, die mich berührt haben, die waren einfach. Aber genau deshalb haben sie mich gepackt.“

Ein klares Bekenntnis zu Pop, wie tragfähiger nicht sein könnte. Der Erfolg gibt Ich+Ich Recht. Volle Konzerthallen und Millionen von verkauften Tonträgern sprechen da eine klare Sprache.



Kompetente Arbeitsteilung

Und eine ganz spezielle Form der Arbeitsteilung haben Annette Humpe und Adel Tawil auch gefunden.

„Ich habe mich von Beginn an vom Tourbetrieb freigesprochen“, konstatiert Annette Humpe, „so kann ich einfach weiter an Stücken arbeiten.“

Seit geraumer Zeit nämlich findet der Tourbetrieb aus vielerlei Gründen ohne Annette Humpe statt.

„Ich habe großes Lampenfieber“, gesteht sie, „das ist der Hauptgrund. Hatte ich aber immer schon. Auch bei Ideal.“

Adel Tawil nimmt den Faden auf: „So konnten wir vom Veröffentlichungstermin der letzten Platte an bereits für das vorliegende Album arbeiten. Trotz der Tatsache, dass ich unterwegs war. Eine künstlerische Luxussituation.“

Texte und Melodiefetzen sind nahezu immer das Ausgangsmaterial. Die schleppt Annette Humpe dann zu Adel Tawil ins Studio.

„Dort beginnt der zweite kreative Prozess“, beschreibt Annette Humpe den weiteren Werdegang von Stücken, „mein erster schafft lediglich Bausteine, aber noch lange kein Haus. Maximal das Fundament. In der zweiten Phase geht es vom ich zum wir.“

Dabei wird kreativ gestritten. Darüber, welches Tempo ein Lied bekommt. In welcher Tonart es gespielt wird. Ein bestimmtes Zeitraster gibt es nicht.

„Manch ein Song weiß im Studio sofort, wo er hin will. Entwickelt sich so, als würde er das selber machen“, sagt Adel Tawil, „und dann gibt es welche, davon machen wir 12 Versionen.“

Am Ende stehen Stücke, die vor großen Melodien und großen Emotionen nur so strotzen und eine faszinierende Wärme ausstrahlen. Die bei „Gute Reise“ sogar eine besondere ist. Dafür kann Adel tawil einen ganz speziellen Grund benennen:

„Anders als beim letztes Album, haben wir diesmal weitgehend live aufgenommen. Analog aufgenommenes Material klingt einfach wärmer.“

Ich+Ich gehören nicht zu den Vielschreibern. Zwölf Stücke sind auf der CD, 14 wurden geschrieben. Das ist effizient. Zusammengehalten werden die Stücke durch die Metapher der Reise.

„Das Reisebild verknüpft so viel und wird der von uns gewählten Themenvielfalt gerecht“, erläutert Annette Humpe, „es kann bedeuten, jemand fährt irgendwo hin. Das Leben ist eine Reise. Wir sind musikalisch auf einer Reise. Und nach dem Tod geht noch mal eine Reise los.“

Die nächste Reise auf dem Ich+Ich-Fahrplan ist allerdings eine Gastspielreise durch 26 Konzerthallen.

Aktuelles Album: Gute Reise (Polydor/Universal)
© 03. November 2009  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Olaf Heine
November 2009

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