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MUMFORD & SONS - Verweigern für den Vibe

Vorschusslorbeeren sind mit Vorsicht zu genießen. Nicht nur für jene, die sie säen oder futtern, sondern auch für die, die sie überreicht bekommen. Ted Dwane und Marcus Mumford schlagen für solche Umstände einen guten Ansatz vor: Der eigene Fortschritt wird nur durch die Missachtung der Außenwelt gesichert - und durch ein bisschen Robin Hood.

Mumford & Sons, das klingt nach einer Speditionsfirma oder einer traditionsreichen Confiserie aus der Provinz. Aber dieses Unternehmen stammt aus London und gibt es in seiner jetzigen Form erst seit zwei Jahren. Und auch wenn Marcus und Ted ihren Werdegang als eine Aneinanderkettung verschiedener Zufälle und glücklicher Umstände beschreiben, kommt hier nichts von ungefähr. Denn nicht gerade zufällig haben die einschlägigen Blätter, Blogs und Radiostationen Mumford & Sons sofort hoch gehandelt, hat diese Band nicht das Schicksal auf Tour geschickt und sind auch die drei Tonträger (wenngleich auch nur kurze) nicht vom Himmel gefallen. Wie erklären sie sich all das also, bitte schön!?

„Wir spielen, weil wir es lieben. Auf Tour zu gehen ist dann gut, wenn man auch in irgendeinem entlegenen Kaff vor einer Handvoll Leute spielen kann. Genau so etwas haben wir mal erlebt, zwischen den großen Städten spielten wir einen Gig in einem Dorf. Und es war der beste Abend dieser Tour. Solche Momente machen das Touren erst sinnvoll.“

Eher sinnlos erscheint hingegen, kein Album auf Tour dabei zu haben, das man weder den Hunderten in den großen Städten, noch den Vereinzelten auf dem Dorf hätte verkaufen können. Aber über Sinn und Unsinn lässt sich streiten oder zumindest doch argumentieren: Lange haben sie darüber gesprochen, ob sie überhaupt ein Album machen sollten, machen wollten. Denn eigentlich fanden sie die Idee, eine reine „EP-Band“ zu sein, sehr faszinierend. Denn das Gute daran ist: „Jede EP hat einen bestimmten Vibe und eine Atmosphäre, die ihr absolut eigen ist. Und abgesehen davon: Warum muss man ein Album machen? Nur weil die Leute das von einer Band erwarten!?“

Und so geschah es, dass irgendwann der einzig triftige Grund vorlag. Nach vielen Konzerten und ausgedehnten Experimenten war der Vibe für etwas Großes plötzlich da. Nach ihrer EP-Trilogie war das Gefühl für einen Longplayer aufgekommen. „Sigh No More“ heißt er und beinhaltet das, für das der Name Mumford & Sons heute steht. Die Menschen draußen nennen es Neo-Folk – was auch immer in der Welt das sein mag! Auch Marcus und Ted wissen nicht, was gemeint ist. Wollen sie auch nicht. Natürlich hört man Folk, Americana, Bluegrass und auch moderne Popdunkelheiten und Four-to-the-folkfloor-Alternativen. Mit Gitarren-Geschrammel, Gesangs-Gemälden und perkussivem Gewitter macht dieser britische Vierer so viel los, dass man Dave Matthews vs. Fleet Foxes zu hören meint und dabei die Beirut-Welt an Arcade Fire-Plätzen entflammt. Woher sie sich diese bunt strahlende Kreativität ziehen und ihre ansteckende Kraft nehmen, was sie inspiriert und sozialisiert hat, all das beantworten sie für eine aus England stammende Band zunächst etwas untypisch: John Peel war nicht ihr Papst, auch „wenn er gut für die Indiemusik und die Radiowelt war. Er hat ohne Zweifel beides bereichert, aber für uns war er nicht der große Held“, gesteht Marcus. Den Sänger prägten da ganz andere Figuren: „Die Musik zum Robin Hood-Zeichentrickfilm war mindestens genauso wichtig, wie Mutters Chormusik vom Plattenteller und der eigene Schulchor, in dem ich mit zehn, zwölf anderen Jungs gesungen habe.“

Eine Sozialisation und Herkunft, die auf etwas baut, das Mumford & Sons eine Basis gibt: Sie vertrauen auf das, was sie machen. Wenn es anstatt eines Longplayers drei EPs sein müssen, dann macht man es eben so. Wenn das Schlagzeug nicht als stupides Begleitinstrument hinten herumtakten soll, dann wird es eben in Einzelteilen nach vorne an den Bühnenrand gezogen und zum Scheppern getreten. Und wenn sich die Leute draußen einen Namen für dieses Unternehmen hier ausdenken, wenn sie sich in höchsten Tönen über Mumford & Sons auslassen, nehmen Marcus, Ted & Co all das nicht wahr. Nicht, weil man es als gehypte Band aus Gründen der Coolness vorgibt, nicht zu tun, sondern mit einem gezielten Weitblick verweigern sie sich zum Beispiel der Lektüre der eigenen Besprechungen.

„Weil dich das Zeug, egal wie wahr oder unwahr es auch ist, beeinflusst – bewusst und unbewusst. Und allein sich Gedanken zu machen, was die Leute über deinen Sound schreiben, womit sie dein Album vergleichen, was sie gut und was sie schlecht finden, über all das macht man sich Gedanken, die dich danach beeinflussen – bewusst und unbewusst.“

Mumford & Sons verschließen sich also um ihres eigenen Fortschritts willen. Völlig unbeirrt, nicht ganz zufällig und trotz Vorschusslorbeeren – oder vielleicht auch gerade ihretwegen.

Aktuelles Album: Sigh No More (Island / Coop / Universal)
© 01. November 2009  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister
November 2009

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