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SAINT ETIENNE - Das Stöhnen der Mittelklasse

Eigentlich handelt „Tales From Turnpike House“, das neue Album der ur-englischen Dance-Pop-Band Saint Etienne vom Älterwerden. Das meint jedenfalls Bob Stanley, neben Pete Wiggs einer der beiden Begründer von Saint Etienne und neben Sängerin Sarah Cracknell das ständige dritte Mitglied der Band. „Ich bin jetzt 40 und somit nicht mehr wirklich jung", muß er eingestehen, "das wird einem erst so richtig bewußt, wenn man auf der Straße einer schönen 20-jährigen Frau nachschaut. Dann muß man sich bewußt machen, daß das ja eigentlich seine Tochter sein könnte. Das ist ganz schön peinlich.“ Schön und gut – diese Art von Identitätskrise durchlaufen wohl alle Songwriter irgendwann einmal. Nicht alle kleiden dies jedoch in Form eines Konzeptalbums, daß sich mit den Bewohnern eines „fiktiven Sozialwohnungsprojekts“ beschäftigt.

„Ich bin mir nicht sicher, warum das passiert ist“, meint Bob dazu, „eigentlich haben wir nur – wie üblich – unsere Songs geschrieben und dann festgestellt, daß sich dort ein roter Faden durchzog. Vermutlich liegt es daran, daß die Leute in den Songs wahrscheinlich auf uns selber basieren. Auf diese Weise bekamen wir so eine Art kollektives Stöhnen der weißen Mittelklasse in Musikform hin.“ Und woher kam dann die Idee, die Geschichten des neuen Albums in einem Sozialwohnungsbau anzusiedeln. Ist es für Saint Etienne wichtig, die lokalen Wurzeln zu betonen? „Ja, auf jeden Fall“, stimmt Bob zu, „obwohl mir auch der Gedanke gefiele, daß es durchaus auch in Amerika oder Deutschland Sinn machen könnte. Wir haben uns nicht spezifisch die Arbeiterklasse ausgesucht, aber ich war immer schon von der Idee dieser Genossenschafts-Wohnungen fasziniert. Ich lebe selbst in einer solchen Siedlung in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Diese wurden damals für Arbeiterfamilien nach dem sozialistischen Prinzip gebaut. Der Gedanke war, daß man dann zum Beispiel, wenn man Kinder bekäme, in eine Drei-Zimmer Wohnung wechseln sollte. Mir gefiel der Gedanke, daß man die Wohnungen als leere Hüllen betrachten könnte, die erst durch die Leute, die darin Leben zu einer gewissen Identität finden – was auf dem Cover auch demonstriert wird.“ Dieses zeigt gleichförmige Kasten-Wohnungen, die nur durch die jeweiligen Bewohner einen eigenen Charakter bekommen. Wie wirkte sich das denn musikalisch aus? Immerhin erscheint das neue Werk organischer als viele andere Saint Etienne-Alben. Gab es denn auch ein musikalisches Konzept, oder war umgekehrt vielleicht der Gedanke, die Scheibe so abwechslungsreich wie möglich zu machen, um den verschiedenen Charakteren Rechnung zu tragen? „Eher letzteres“, überlegt Bob, „wir wollten schon eine gewisse Vielfalt haben, da jeder Song gewissermaßen einen Charakter repräsentiert.“ Dann zögert Bob einen Moment und fügt dann hinzu: „Also jetzt, wo Du das ansprichst, ist es ja ziemlich offensichtlich. Aber als wir die Sachen aufnahmen, war mir das gar nicht bewußt. Wir wollten auf jeden Fall eine Menge Sonnenlicht in diesen Songs haben. Das ist auch der Grund, warum dieses Mal Samba-Rhythmen in unserer Musik haben und endlich einmal richtige Vokalharmonien dabei sind. Das wollten wir schon seit Jahren machen, und nun haben wir endlich mal die Zeit dafür gefunden, es anzugehen.“ Und sich damit den lange gehegten Traum erfüllt, es endlich mal den Beach Boys gleichzutun – die nach wie vor die größte inspirative Einflußquelle für Saint Etienne sind, wie Bob noch mal ausdrücklich festhält. Dadurch wirkt das neue Werk natürlich auch sonniger und luftiger als ansonsten üblich. „Ja, die Musik ist ziemlich optimistisch“, stimmt Bob zu, „vielleicht liegt es daran, daß unser letztes Album ‘Finisterre’ ziemlich düster und eng gefaßt war. Hier wollten wir einfach mehr Raum.“ Und deswegen gibt es vermutlich auch die verspielten, abwechslungsreichen Arrangements, nicht wahr? „Na ja, man sucht dann nach dem, was am besten für einen Song geeignet ist“, überlegt Bob, „das ist so, als überlege man, in welcher Sprache man ihn singen soll – im übertragenen Sinne natürlich. Es ist nicht immer so, daß man genau weiß, warum man etwas macht, aber in dem Moment macht es dann eben Sinn.“ Und wie wird es in Zukunft weitergehen mit Saint Etienne? „Wir arbeiten gerade an einem kompletten Album mit Kinderliedern, das wir im Herbst fertigstellen möchten“, verrät Bob, „denn Pete und Sarah haben ja jetzt eigene Kinder und es gibt heutzutage so wenig gute Alben mit Kinderliedern, die man sich auch als Erwachsener anhören könnte.“
© 01. Juli 2005  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer
Juli 2005

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