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TOMAHAWK - Reale Fiktion

Ein Paukenschlag, mit dem Tomahawk in diesem Sommer aufwarten. Nach dem in Insider-Kreisen sehr wohl beachteten Debut könnte sich nun wohl ein etwas größerer Erfolg einstellen. Mit Restriktionen dürfen sich andere rumschlagen, Tomahawk bleiben open-minded und gleichzeitig unnahbar. Der gut aufgelegte Bandkopf Duane Denison berichtet über das Für und Wider des bösen Mantels Rock.
In Sachen Sound übertrifft "Mit Gas" den Vorgänger um Längen, die Band klingt wesentlich reifer und ausgewogener. "Man muss bedenken, dass wir vor dem ersten Album noch nie zusammen gespielt haben. Inzwischen haben wie eine Shows abgerissen und konnten so auch schon neue Songs ausprobieren." Diese wirken durchaus energiereicher und offener als das alte Material. "Wir haben eine gute Balance gefunden. Wir wollten einige Dinge anders bestreiten, waren viel spontaner, haben mehr rohe Energie umgesetzt, usw. Und wir haben definitiv einen Fortschritt gemacht. Das Album reflektiert sozusagen, wo wir uns gerade als Band befinden." Man könnte fast meinen, es wäre an der Zeit, den Leuten zu zeigen, wie man moderne Rockmusik macht. Und Tomahawk scheint der einzig vorstellbare Bote dieser Nachricht zu sein. "Ich denke, dass wir uns nicht wie irgendeine andere Band da draussen anhören. Wir sind kein Teil einer Szene, wir passen in keinen Trend – das gefällt mir. Wir sind wohl ein ziemlich gutes Beispiel einer modernen Rockband: wir schreiben unsere eigenen Songs und Texte, beherrschen unsere Instrumente und – we make it happen live!" Eine Erfahrung, die man wohl noch in diesem Festivalsommer oder auch einer eigenen Tour machen kann, nachdem im Rahmen der letzten Tour leider keine Gigs in Deutschland stattfanden. Doch zurück zum Album. Die Einbindung "fremdartiger" Styles in den gemeinen Rockkontext ist laut Duane ein Prozess, der genau so experimentell wie natürlich beschrieben werden kann. "Auch Sachen wie Drum‘n‘Bass gefallen uns, warum sollten wir sie also nicht in unsere Musik einbringen? Allein der Gedanke ist schon interessant genug." Und im Endeffekt nur eine Frage des Arrangements. "Wir haben sehr wohl daran gearbeitet. Unsere Songs sind wirkliche Kompositionen, sie können für sich alleine stehen als auch innerhalb des Albums Kontinuität wahren. Wir wollen immer das Maximale aus jedem Track rausholen." Für einen Aufnahmezeitraum von knapp zweieinhalb Wochen eine mehr als respektabel durchgesetzte Maxime. Genial wie einfach. So verwundert auch kaum die wirre Beschreibung des brutalen Industrialparts, der neben kurz danach auftauchenden Soundscapes den Schlusspunkt des Albums setzt. "Das ist eine Art Apokalypse, in der wir die Welt sprengen. Eigentlich arbeitet das ganze Album auf diesen Punkt hin. Und diese leisen Gitarren und Gesänge ganz zum Schluss stellen die Überlebenden dar, die inmitten des ganzen Schreckens um ein Lagerfeuer sitzen." Also ein Konzeptalbum? "Nein, jeder Song ist Fiktion. Für mich ist Rockmusik allgemein Fiktion. Leute, die Rockalben kaufen, weil sie Wahrheit und Schönheit haben möchten, liegen meiner Meinung nach völlig falsch. Sie sollten vielleicht eher zu Stephen Malkmus greifen. Rockmusik ist genauso fiktiv wie ein Kinofilm oder ein Roman. Man muss nicht die Lyrics auf den Sänger münzen, sondern auf den Charakter, der dort spricht. Wenn Arnold Schwarzenegger in einem seiner Filme sagt: "Ich bringe dich um!" wird er das doch nicht im täglichen Leben jedem sagen. Oder glaubst du, das Mick Jagger jemals wusste, worüber er in "Street Fighting Man" gesungen hat?" Ist der Output von Tomahawk eher als Musik oder eine Art von Kunst zu begreifen? "Vielleicht beides, für mich ist es eher eine Frage von Kunst oder Entertainment. Ein wahrer Künstler kümmert sich nicht um die Meinung anderer Leute, ein Entertainer dagegen interessiert sich sehr für die Meinung seines Publikums und eigentlich nichts anderes. Wenn du in einer Rockband spielst, musst du dich irgendwo dazwischen bewegen. Du musst genug Künstler sein, um etwas originäres, das dich repräsentiert, zu erschaffen. Auf der anderen Seite kannst du das Publikum nicht ignorieren. Du musst sie zumindest ansatzweise bedienen, sonst hast du gar kein Publikum." Abschließend noch ein Blick auf den deutschen Albumtitel. Ist der gemeine Amerikaner uns auf einmal wohl gesonnen? "Es ist halt witzig, die Aufdrucke deutscher Wasserflaschen zu lesen. Aber ganz im Ernst: es hört sich 1000 mal besser an als ‘avec fromage‘!"

Aktuelles Album: Mit Gas (Ipecac/EFA)
Weitere Infos: www.ipecac.com
© 01. Mai 2003  WESTZEIT ||| Text: Axel Nothen
Mai 2003

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