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23 Jahre Zick Zack - Lieber zuviel. Geräusche. - Als Zuwenig. Diskussion.

Wenn überhaupt eine deutsche Plattenfirma das (sinnleere) Wort "Kult" für sich beanspruchen kann, ist es die Hamburger "What's So Funny About/Zick Zack"-Familie. Alfred Hilsberg käme aber wohl nie auf die Idee, sich mit spassgesellschaftlichen Marketingattributen zu schmücken. Er richtet seinen (Weit)Blick lieber in die strahlende Zukunft und plaudert mit WESTZEIT in einigen Telefonaten über Künftiges.

Die graue Eminenz des deutsch(sprachig)en Pop-Undergrounds hatte sie alle, und zwar (meistens) als erster: FSK, Einstürzende Neubauten, Abwärts, Kastrierte Philosophen, Die Haut, Mutter, KMFDM, Flowerpornoes, Die Regierung... Man könnte lange weitermachen. In den ersten Jahren wurde getreu dem Labelmotto "Lieber zuviel als zuwenig" alles veröffentlicht, was bei drei nicht auf dem Baum war (darunter viele spätere Klassiker: Palais Schaumburg, Die tödliche Doris, Kosmonautentraum) , später entdeckte man die härteren Elektrobeats (u.a. Pankow) und das, woraus andere Diskurspop machten. Let's say: Blumfeld. Seine Entdeckungen präsentierte ZickZack im 10-Jahres-Rhythmus auf Doppel-LPs: die legendären "Geräusche für die 80er" bzw. "...90er" bringen heute bei ebay schönes Geld (und sind wie so viele vermeintliche ebay-Raritäten ganz regulär und zu vertretbaren Preisen im Label-Mailorder erhältlich. Klick www.zickzack3000.de). Aber Hilsberg interessiert sich nicht für Beton und verschwendete Jugenden, sondern für das Hier und Jetzt, mehr noch für's Morgen. Deshalb gibt es jetzt "Geräusche für den Tag danach" a.k.a. "Bis auf weiteres eine Demonstration" (ein Zitat von Fantas Schimun, die sich den Slogan wiederum bei den Wiener Anti-Haider-Demonstranten ausborgten). Wieder ein Doppeldecker: auf 2 CDs tummeln sich unter 37 Tracks vor allem Neuentdeckungen (s.a. Rezi), wie er wohl all diese wundervolle Verschrobenheit und Gesellschaftswut exploriert? "Meistens sind es jetzt Tips von Freunden und Bekannten. Über Demos kommt fast nix. Wir kriegen zwar vielleicht 100 im Monat, aber davon sind wirklich nur 1 oder 2 interessant." Und nach welchen Kriterien wird gesiebt? "Wichtig sind mir Leute, die was diskutieren wollen. Auch wenn es später Ablehnung oder schlechte Kritik gibt - etwas zur Diskussion stellen ist immer gut!" Überhaupt - wie kommt Hilsberg denn damit zurecht, dass seine Zielgruppe etliches jünger sein dürfte als er? Eine dumme Frage braucht eine dumme Antwort: "Ich habe keine Zielgruppe!" Obwohl hinter dem schnellen Konter einiges an Wahrheit steckt: "Es stimmt schon, die ganz jungen Leute erreichen wir fast nicht mehr. Wir haben wenige Käufer unter 25. Es ist ein eher älteres Publikum, das schon seine Erfahrungen gemacht hat. Auch mit Musik." In die neue Kompilation wurde sehr viel Kraft investiert: "Drei Monate lang haben wir uns zu dritt durch das ganze Material gehört. Dann wurde das Cover verworfen, kurz bevor es in die Druckerei sollte. Und die Verhandlerei mit den Musikern. Was wir ausgesucht hatten, wollten die nicht. Und umgekehrt. Es wurde neues Studiomaterial angekündigt, das bis heute nicht hier ist,..." Der Schweiss hat sich aber wirklich gelohnt (wen wundert's?!), neben Sachen, die Hilsberg einfach originell oder wegweisend findet, auch wenn sie auf anderen Labels erscheinen (etwa Fehlfarben, Die Patinnen, Vermooste Vloeten), soll die Platte natürlich auch Appetit auf den 2003er Jahrgang ZickZack machen. Die Schwerpunkte liegen da auf dem unglaublichen Jens Friebe ("Das ist so ein Tip: Der war in Hamburg im Vorprogramm von Parole Trixi. Gerade an diesem Abend war ich nicht in der Stadt. Die Leute haben mir gesagt, wie beeindruckend der Typ war und ich habe ihn dann kontaktiert."), Sound Of Money (die covern "1969" der Stooges) und sicher wird es auch von Knarf Rellöm und Mutter wieder was auf die Ohren geben. Aber auch Hilsberg muss in das Klagelied der Musikbranche einstimmen, dass da "CD-Pirat" heisst: "Mindestens 20% werden heute gebrannt. Das fehlt wirklich. Sieh dir die Plattenläden an, die sind leer!" Nicht nur, aber vielleicht auch deswegen steht dieser visionäre Sampler für schlappe 15 Euro im Laden. Also: Beim Hören brennen - vor Begeisterung!
© 01. Dezember 2002  WESTZEIT ||| Text: Karsten Zimalla
Dezember 2002

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