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TALKING TO TURTLES - Eine kleine neue Welt

Früher hat man die dritte LP einer Band gerne "das schwierige Album" genannt. Das erste ist leicht, weil alles neu ist und es keinen Druck gibt, das zweite kommt in der Regel schnell hinterher und ist zumeist nur eine Abwandlung des Debüts, und mit dem dritten darf, kann und muss man sich dann neu definieren. Genau das haben Talking To Turtles mit "Split" getan.

Nicht mehr als sechs Jahre haben Florian Sievers und Claudia Göhler gebraucht, um vom DIY-Homerecording-Projekt zu einer der wenigen deutschen Indie-Bands von internationalem Format aufzusteigen. Nach dem heimeligen Kitchen-Sink-Folk des in den eigenen vier Wänden entstandenen Debüts ´Monologue´ und dem mit ungleich mehr Aufwand und deutlich volleren Bandarrangements in Seattle produzierten Nachfolger ´Oh, The Good Life´ machen die zwei auf ´Split´ nun einiges anders, klingen dabei aber immer noch wie Talking To Turtles. Denn auch wenn sie auf ihrem beeindruckenden dritten Album klanglich Neuland betreten, gekonnt mit Pop-Versatzstücken und Hip-Hop-entlehnten Percussions kokettieren, mit Synthesizern statt mit Glockenspielen hantieren, Akustik- gegen Stromgitarren eintauschen und dem oft zweistimmigen Gesang mit mehr Hall Raum zum Atmen verschaffen, bleibt die Indie-Folk-Sensibilität und die schon auf ihren ersten Werken allgegenwärtige Liebe zu kleinen, gerne schrägen Details dennoch erhalten. Dass Veränderungen bei TTT stets natürlich und unverkrampft geschehen, ist vermutlich das Erfolgsgeheimnis des ursprünglich aus Rostock stammenden Duos. Die beiden vertrauen inzwischen darauf, dass sich am Ende alles wie von selbst zusammenfügt.

“Es fühlt sich im Moment alles sehr rund an”, bestätigt Florian, als wir ihn am Veröffentlichungstag des neuen Albums in der Berliner Bäckerei Knusprig erwischen. Nicht weit entfernt von hier ist ´Split´ entstanden, im Studio von Simon Frontzeck alias Sir Simon, dessen Weg TTT einst – wie sollte es anders sein – eher zufällig kreuzten.

“Simon haben wir vor vier Jahren auf einer gemeinsamen Weihnachtstournee kennengelernt”, erzählt Florian. “Später haben wir dann sogar mal einen Song zusammen geschrieben, der unter dem Namen ´Talking To Sir Simon´ erschienen ist.”

Eingespielt wurde die Nummer damals in Simons Studio – und schnell stand fest, dass diese Zusammenarbeit fortgesetzt werden musste.

“Wir haben Simon dann mal abends bei einem Bier gefragt, ob er unser nächstes Album aufnehmen möchte, und er sagte nur: ´Na klar, ist doch logisch!´”, erinnert sich Florian lachend. “Letztlich hat sich herausgestellt, dass gerade auch die Nähe zu Leipzig, wo wir derzeit wohnen, sehr gut war. Wir konnten schneller mal hier in Berlin sein, um noch einmal einen Tag einzuschieben. Da traut man sich viel eher, auch mal Sachen zu verwerfen, die eigentlich schon fertig sind.”

In der Tat kann man dem Album anhören, dass die Sessions sehr harmonisch verliefen und die Band relativ viel Zeit hatte, Sounds und Arrangements zu überdenken.

Dass TTT klanglich auf ihrem dritten Album neue Wege gehen würden, stand allerdings schon nach der heimischen Vorproduktion fest.

“Da haben wir bereits gemerkt, dass uns Glockenspiel, Akkordeon-ähnliche Klänge oder Akustikgitarre einfach nicht mehr so reizen, dass wir da nicht mehr auf neue Ideen kommen”, verrät Florian.

“Gleichzeitig hatten wir richtig Lust darauf, mit Synthesizern herumzuspielen, obwohl wir uns mit denen eigentlich gar nicht auskennen. Es hat einfach Spaß gemacht, an den Knöpfen zu drehen und zu sehen, was passiert. Auch wenn es pathetisch klingt: Das hat uns eine kleine neue Welt eröffnet, weil jetzt alles größer klingt.”

Das Ergebnis sind zehn weitere lebensverschönernde Songs und die erste TTT-Platte, mit der Florian rundum zufrieden ist:

“Ohne die ersten beiden Alben abwerten zu wollen: Als wir die neue Platte fertig aufgenommen und abgemischt hatten, habe ich zu Simon gesagt: ´Krass, das ist das erste Mal, dass ich mir ein Album von uns anhören kann und nichts anders machen würde, wenn ich die Chance dazu hätte.´ Ich hätte nie gedacht, dass wir mal an den Punkt kommen, an dem alles so ist, wie wir uns das vorgestellt haben – und vielleicht sogar noch besser!”

Aktuelles Album: Split (DevilDuck / Indigo)
Weitere Infos: www.talkingtoturtles.de
© 01. September 2014  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld
September 2014

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