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J MASCIS - Die intime Kraft der akustischen Gitarre

Der Frontmann J Mascis - der eigentlich Joseph Donald Mascis Jr. heißt - darf mit Fug und Recht als komischer Vogel tituliert werden. Das Kauzige zieht sich durch den ganzen Menschen J Mascis (J wir ohne Punkt geschrieben, da gibt es seinerseits kein Vertun): lange Schnittlauchlocken in edelstem Grau schimmernd fallen ihm vom Haupt, eine immer unpassend wirkende, zu große Brille mit durchsichtigem Gestell verunziert ihn. Immer trägt er ein irgendwie süffisantes Lächeln zur Schau. Und sein Blick geht durch einen hindurch. Durch und Durch. Reden ist seine Stärke keinesfalls. Eigentlich weiß man es nicht wirklich. Er redet nämlich kaum.

Und wenn er losschnarrt, gewinnt man den Eindruck, er würde nicht nur jeden Satz auf die Goldwaage legen, sondern jeden einzelnen Buchstaben davon. Seine Kauzigkeit setzt sich auch im Bandgefüge von Dinosaur Jr. fort, wenn er beispielsweise den musikalischen Diktator mimt, der dem Schlagzeuger mal eben die Stöcke aus den Händen windet, um ihm vorzuspielen, wie er denn zu spielen habe. Nämlich genau so, wie J Mascis sich das vorstellt. Ohne Wenn und Aber. Schließlich ist er Multiinstrumentalist, der seine Qualitäten neben der Gitarre immer wieder auch am Schlagzeug, an den Keyboards und dem Banjo zeigt. Auch stimmlich kann er voll und ganz überzeugen.



Ganz auf die kreative Aussage bedacht

Jetzt hat J Mascis mit ´Tied To A Star´ für das Kultlabel Sub Pop Records sein zweites Akustikalbum vorgelegt. Darüber will er reden. Oder soll er darüber reden, weil die Plattenfirmenleute es so wollen? Kurz vor dem Interview erfahre ich, dass J Mascis seine Gitarre im Flieger vergessen hat. Kein gutes Omen für das kommende Gespräch. Doch kaum sitze ich, lehnt er sich zurück, schaut mich an. Sofort ist es wieder da, dieses irgendwie süffisante Lächeln. Ganz neu ist die Nummer mit der akustischen Herangehensweise von J Mascis nicht.

„Ich habe bei Sub Pop ja schon mal eine Akustikplatte gemacht, ‚Several Shades Of Why.’ Und sie haben mich gebeten, eine weitere Akustikplatte aufzunehmen. Ich hatte Zeit, also warum sollte ich nicht noch eine machen. Da auf jede Platte auch eine Tour folgt, gefiel mir auch der Gedanke, mal wieder ganz allein unterwegs zu sein.“

Eine typische J Mascis-Antwort, er hat halt Zeit. Aber ist er nicht auch ein Musikbesessener bekannt, der voll und ganz auf die kreative Aussage setzt und ansonsten lieber das Maul hält?



Kraft und Schönheit des

gezogenen Steckers

Natürlich hat der Mann aus Amherst, Massachusetts etwas zu sagen! Und bei den Momenten der akustischen Ausdeutung eines Stücks, trägt jede Aussage, die getroffen wird eine gewisse Intimität in sich.

„Hinzu kommt noch, du stehst viel intensiver unter Beobachtung“., betont J Mascis, „jeder versteht alles. Auch deine persönlichsten Äußerungen. Deine Stimme wird nicht von einer Wand aus Lärm überdeckt. Jeder hört dein Gitarrenspiel. Wir reden hier über die Kraft und Schönheit des gezogenen Steckers.“

Aber es gibt noch einen anderen Reiz, nur mit Stimme und Gitarre zu arbeiten. Der liegt darin, dass in dieser selbst gewählten Reduzierung zunächst Grenzen zu liegen scheinen. Aber genau diese Art von Rück-besinnung auf das Einfache, das Elementare lässt die Lieder zusätzlich erstrahlen. Was zunächst so klingt, als müsse es einen eklatanten Unterschied im Schreiben von akustischen und elektrifizierten Liedern geben, ist für J Mascis nicht so.

„Zunächst unterscheidet er sich gar nicht, du kannst deine Akustikgitarre nehmen und drauf los komponieren. Das bedeutet aber nicht, dass du dabei bist, nur für Stimme und Gitarre zu arbeiten. Wenn du dann aber tiefer eintauchst in das Stück, in dich hinein hörst, deine Seele befragst und ihr zuhörst, dann weißt du, welchen Weg das Lied gehen will, nimmt der Musiker Stellung zum Entstehungsprozess seiner Lieder überhaupt.”



Lieder ohne Text

Eine Frage ist und bleibt die, was denn zuerst da ist, die Musik oder der Text? Also die berühmte Diskussion um die Henne und das Ei.

„Die Musik ist fertig. Ganz fertig“, sagt J Mascis, „manchmal bin ich schon im Studio und immer noch ohne Text. Den schreibe ich meist erst kurz bevor ich ihn dann mit der Musik einsingen muss.“

Auf ´Tied To A Star´ sind einige Gastmusiker dabei, Ken Maiuri von Young@Heart Chorus, Pall Jenkins von Black Heart Procession, Mark Mulcahy von Miracle Legion und Chan Marshall alias Cat Power.

„Das war übrigens keine bewusste Auswahl“, erläutert J Mascis die Hintergründe, „ach ich hätte so viele fragen können. Die einen hätten es gemacht, andere wieder nicht. Also habe ich es auf mich zukommen lassen und dann die mit ins Studio genommen, die Zeit und Lust hatten. Mit einer Ausnahme. Chan Marshall, deren Stimme, die musste unbedingt mit auf die Platte.“

Diesmal hat der bekennende kreative Diktator in der Zusammenarbeit mit anderen Künstlern Milde walten lassen.

„Manche Vorschläge der mitwirkenden Künstlers waren allerdings so spannend, dass ich den ursprünglichen, von mir gedachten Liedweg deshalb verlassen habe.“

Aktuelles Album: Tied To A Star (Sub Pop/ Cargo)
© 01. September 2014  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Justin Lapriore
September 2014

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