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DEAR READER - Heimatmelodie

Bislang begnügte sich Cherilyn MacNeil – vielleicht besser bekannt unter ihrem Projektnamen Dear Reader – damit, ihre verschiedenen Seelenzustände in Form eher kryptischer Indie-Pop-Kleinkunstwerke zu verarbeiten und dabei eine erstaunlich breite Öffentlichkeit auf eine erstaunlich unterhaltsame Art und Weise anzusprechen. Das reichte beim dritten Album nun nicht mehr.

Hier beschloss die inzwischen nach Berlin emigrierte Südafrikanerin, sich mit der Geschichte ihres ursprünglichen Heimatlandes auseinanderzusetzen: „Rivonia“ ist das Township von Johannesburg, in dem Cherilyn aufwuchs und wo Anfang der 60er Jahre die gesamte Führungsriege des ANC ausgehoben wurde und der von Nelson Mandela propagierte „Long Walk To Freedom“ begann, der Cherilyn natürlich auch zu dem neuen Werk inspirierte.

„Der Grund, warum ich meine Scheibe ´Rivonia´ nannte – außer des Umstandes wegen, dass ich dort lebte – ist darin begründet, dass ich aufzeigen wollte, dass man so etwas wie ein ‚paralleles Leben‘ führen kann“, erklärt Cherilyn, „denn ich hatte in meiner Mittelklassen-Vorort-Idylle keine Ahnung von diesen Geschehnissen. Ich hatte in meiner wohlbehüteten Welt und der Weise, in der meine Eltern mich aufzogen, einfach keine Informationen darüber. Das führte dazu, dass ich eine parallele Wirklichkeit erlebte und deswegen entschloss ich mich, auf der neuen Scheibe Geschichten aus der Geschichte zu schreiben, um solche Dinge aufzuzeigen.“

Das bedeutet also. Dass Cherilyn sich erst mal selbst in das Thema einarbeiten musste?

„Ja denn als ich nach Berlin zog, stellten mir die Leute viele Fragen über Südafrika, die ich nicht immer beantworten konnte“, meint sie, „denn ich war sehr ignorant, was diese Sachen betraf, weil ich mich nie für Politik interessiert hatte. Also begann ich, darüber zu lesen und zu erforschen was ich konnte. Der Umstand, dass ich nicht mehr in Südafrika war, eröffnete mir die Perspektive, die notwendig dazu war. Ich las also ‚The Long Walk To Freedom‘ von Nelson Mandela und fühlte mich inspiriert davon.“

Dabei entstanden Songs, die aber dennoch auf einer persönlichen Ebene funktionieren – wie zum Beispiel das deutlich autobiographische „Back From The Dead“.

„Ja, das ist der persönlichste Song auf der Scheibe“, gesteht Cherilyn nicht überraschend, „denn ich habe eine Art von Depression durchlebt, als ich die letzte Scheibe schrieb - was ja wohl ziemlich offensichtlich sein dürfte. In 'Back From The Dead‘ geht es darum, aus diesem Zustand aufzuwachen und dieses Gefühl, dass sich ein schweres Gewicht von mir löst.“

Im Vergleich zu dem, was Cherilyn bislang textete sind die Lyrics dieses Mal eigentlich leichter zugänglich und direkter verständlich – auch ohne, dass Cherilyn alles erklärt, „Das liegt an der Art, wie ich dieses Mal gearbeitet habe“, erklärt Cherilyn, „denn bislang war es so, dass ich immer dann einen Song geschrieben habe, wenn ich mich danach fühlte, und ich mich dann auch immer mit sehr internen Gefühlen und Erlebnissen auseinandersetzte. Ergo kam kryptisches und codiertes dabei heraus, denn man tendiert dazu, allzu Persönliches doch ein wenig zu verschleiern. Dieses Mal wollte ich ja Geschichten schreiben und habe versucht, deutlicher und verständlicher zu arbeiten. Ich empfinde dieses Album zwar auch sehr persönlich, der Unterschied ist aber, dass es dieses Mal diese Distanz gibt, die dadurch entsteht, dass die Geschichte von jemand anderem erzählt wird.“

Mit ´Rivonia´ ist Cherilyn MacNeil ein erstaunliches Werk gelungen, bei dem sie Fiktion und Historie, Persönliches und Fakten zu einer einzigartigen Mischung zusammenfügt.

Aktuelles Album: Rivonia (City Slang / Universal)
© 01. April 2013  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer ||| Foto: Marcus Maschwitz
April 2013

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