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FABIAN VON WEGEN - Dem Leben auflauern

Fabian von Wegen gehört der Generation „irgendwo-in-den-Zwanzigern“ an. Einer Altersgruppe, die häufig zwischen Jugend und Erwachsensein zerrieben wird. Wo andere an diesem Leben verzweifeln oder in Schockstarre verfallen, macht Fabian von Wegen Lieder daraus. Seine poetischen Protokolle auf der Platte ´Emotionale Zitrone´ folgen dabei Rainer Maria Rilke und seiner vielschichtigen Logik, die Verluste als Gewinne, Niederlagen als Siege und Beschädigungen als Auszeichnungen verbucht.

Lieder bersten vor Eindrücken

Fabian von Wegens Lieder bersten vor Eindrücken, denen er Ausdruck verleiht. Leidet er an der Reizüberflutung des Alltags? Oder willst du einfach zu viel?

„Warum sollte ich zu viel wollen? Bloß, weil ich dem Leben auflauere?“, fragt Fabian von Wegen voller Erstaunen, „dem Großen genau so nachspüre, wie dem Kleinen und auch noch allem, was dazwischen liegt. Das Leben hält einfach so viel bereit, dass selbst die Fülle der Eindrücke in den Stücken nur ein winziger Ausschnitt der gesamten Beobachtung ist.“

Die angesprochene Fülle, die will gebändigt werden und an ihr darf der Künstler nicht verzweifeln.

„Es ist für mich lediglich eine Frage der Technik, wie du Eindrücke zähmst. Ich lasse die Bilder kurz in Schwarz-Weiß erstarren. Ohne Farbe dazwischen“, reflektiert er, „ich nehme dann die Gitarre in die Hand, klimpere vor mich hin und lasse die Bilder wirken. Ein Klangteppich entsteht: Melodie und Rhythmus. Alles läuft zusammen. Schließlich auch der Text. Bis es explodiert. Und plötzlich ist alles wieder satt farbig.“



Zwischen Hier und Glücklichsein

Fabian von Wegens präzise Beobachtungsgabe hat ihn zu Orten geführt, die logisches Denken nie gefunden hätte. So betrachtet er die Zeit unter diesem Aspekt kritisch. Und macht sie im Lied ´Es kommt´ als Gegner aus. Was macht er mit ihr?

„Ich schlage sie tot“ und in Form der ´Vergangenheit´ hat sie ´keinen Millimeter Relevanz fürs Hier und Jetzt.´“ Doch ein Entkommen gibt es letztlich nicht; denn die Zeit - auch die totgeschlagene - hat diese saublöde Wiederauferstehungsgabe.

„Das gleichzeitige Totschlagen und doch in ihr Verharren nennt man, glaube ich, Dialektik,“ sagt Fabian von Wegen (und lacht). So lebt er weiter das Leben eines Menschen ´Zwischen Hier und Glücklichsein´ (auch ein Songtitel), der flaniert, zweifelt, wegläuft und begegnet. Und der die Schwermut mit der Leichtigkeit seiner Musik überspielt. Eine solche Vertonung von Rauschanfällen - sowohl des Glücks - als auch des brachialen Aufknallens in der Realität kann und darf nicht technisch unterkühlt klingen. Sie muss - ganz im Sinne der Rilkeschen Umdeutung - voll von menschlicher Wärme sein.

„Das war für mich nie eine Frage, für mich als Skeptiker gegenüber Hightech und Computern.“, sagt Fabian von Wegen, der erst seit kurzem ein Smartphone besitzt.



Verfremdete, kratzende Geräusch-

welten

So verwundert es nicht, dass Fabian und seine Band mit dem Produzenten Martin Englert alles live eingespielt haben, in einem Aufnahmeraum, voll gestopft mit Vintage-Ausrüstung, Röhrenverstärkern und auch einer alten Hammond-Orgel mit Leslie. Fabian von Wegens Klang wird so nicht nur Wärme, in der richtig viel Leben drinsteckt, sondern auch Räumlichkeit verliehen. Ein wunderbares Bläserriff einer gestopften Trompete versteckt sich in diesem Raum oder ein Kontrabass statt seines elektrischen Bruders. Himmlisch leichte Swingkaskaden fliegen durch das Lied ´Emotionale Zitrone´, und der Einsatz der Stimme bei ´Frau Meyer und Herr Schulze´ ähnelt einer Betrachtung durch ein Mikroskop.

„Doch ebenso, wie das Leben voll gepackt ist mit Überraschungen, so konnten wir nicht umhin, auch meinen Songs überraschende Momente zu verpassen“, erklärt Fabian. So treffen verfremdete, kratzende Geräuschwelten auf eine verrückt schräge Sitar (´Mach weiter´), oder auf die rückwärts abgespielten Mini-Klangteppiche in ´Zwischen Hier und Glücklichsein´. Über allen Stücken strahlt Fabian von Wegens sensibel, sehnsüchtig, starke Stimme, die seine Gedanken und Geschichten erzählt, überzeugend und verzaubernd.

Aktuelles Album: Emotionale Zitrone (It Sounds / Rough Trade)
© 01. April 2013  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Melanie Grande
April 2013

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