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CALEXICO - Zerrissen wie ein Blatt Papier

Calexico haben den ständigen Richtungswechsel satt: vom Was-werden-wollen ging es zum Was-sein zurück. Ihr hymnisches Album ´Carried To Dust´ hat die Geburtswehen problemlos überstanden und ist fulminant genug, um der Band zum endgültigen Triumph zu verhelfen. Wie gut, dass Frontmann Joey Burns seine Sinnkrise endlich überstanden hat!

Als Calexico im vergangen Jahr an fünf Beiträgen für den makellosen Soundtrack zum Bob Dylan Movie "I´m Not There" werkelten, ging der Combo ein Licht auf:

“Lange Zeit nach unserem letzten Album ´Garden Ruin´ hemmte mich etwas, dass nicht einzuordnen oder zu analysieren war", wundert sich Joey Burns und verweist auf seine Rolle als Songwriter innerhalb der Band, "plötzlich, als wir gerade die Coverversionen von Dylan aufnahmen, kam die Antwort auf all meine Fragen: Ich wusste, niemand muss ständig Sozialkritik üben!“

Gerade weil sich die letzten Calexico-Werke an Gesellschaft und Moral abarbeiteten, sah sich Burns in einer Position, die ihm kaum gefiel: “Missstände und Miseren aufzudecken ist für einen Musiker äußerst wichtig -gerade wenn man etwas bewegen will. Nur darf der Künstler nicht vergessen, woher seine Inspiration kommt: Weder von Tageszeitungen oder Fernsehnachrichten, sondern aus dem Innersten seiner Persönlichkeit!“

Wie könnte es anders sein: Dylan war für diese Erkenntnis essentiell.

“Lange Zeit galt er in den Sechzigern als Protestsänger, sah darin aber ein unwillkommenes Stigma und wandte sich vermehrt anderen, völlig unpolitischen Themen zu. Dieser Prozess ist bei mir in den letzten zwei Jahren eingetreten und hat beim Schreiben der Songs zum neuen Album ´Carried To Dust´ unglaublich geholfen. Ich will jetzt nicht behaupten meine Bestimmung gefunden zu haben, aber das war schon wichtig!“

Womit wir in der Gegenwart angekommen sind. Nach drei Jahren Pause präsentieren Calexico ein Album, das so überraschend daherkommt, wie es entstanden ist: Der Erzählstrang thematisiert den chilenischen Theaterregisseur Victor Jara, der 1973 in Folge des Putsches mit Hilfe der CIA verhaftet, gefoltert und ermordet wurde. Anderseits ist ´Carried To Dust´ auch eine Art Road-Movie, in dem der Protagonist sein altes Leben vergisst und mit dem Auto einfach losfährt. Ziel und Ankunft unbekannt.

“Darum ging es uns schlussendlich: Der Vorgänger war so groß angelegt und beschäftigte sich mit Bush, dem amerikanischen Werteverfall und mit dem Krieg im Irak. Diesmal wollten wir einfach auf den Boden der Tatsachen zurückkehren und den Blick auf den ´kleinen Mann´ innerhalb dieses unmenschlichen Systems richteten. Damit konnte eine Brücke zwischen Protest und Poesie geschlagen werden.“

Folgerichtig ist der Sound wieder zu dem geworden, der Calexico einst ausmachte: Die mexikanischen Trompetenklänge sind zurück, voluminöse Streicherarrangements mit von der Partie und stellenweise erinnert ´Carried To Dust´ an den lupenreinen Folk der frühen Sechziger Jahre. Ein prächtiges Album, dass durch seine Sprunghaftigkeit an Größe gewinnt und verdeutlicht, warum Kritik keine Art der äußeren, sondern der inneren Haltung ist.

“Wenn man merkt, dass man mit der eigenen Musik nur noch bedient, muss man eben in die Eisen steigen und zu sich selbst zurück-kehren.“

Joey Burns ist sicher nicht der welterste Sänger, der mitbekommen hat was für ein Kampf Kreativität sein kann, wahrscheinlich sein muss. Er braucht auch keine Interviews, um das zu betonen, um darzulegen, warum ´Carried To Dust´ der Brocken von Album wurde, der es ist. Wie das weiße Blatt Papier vor ihm lag und ihn verhöhnte, beschreibt die Musik am besten selbst.

“Jetzt scheint alles perfekt, wir haben eine Platte aufgenommen, mit der jeder von uns restlos zufrieden ist. Finden das die Leute da drauflen gut? Weifl ich nicht! Was wir als Band allerdings erkannt haben: Unser Selbstverständnis fühlt sich momentan richtig an.“

So richtig, wie diese 15 Songs ins Herz vordringen und von dort nicht mehr wegwollen.

Aktuelles Album: Carried To Dust (CitySlang / Universal) Vö: 05.09.
© 01. August 2008  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Gerald von Foris
August 2008

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