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THE GUTTER TWINS - Auf die Freundschaft

Eine Supergroup aus Screaming Trees, Queens Of The Stone Age, Soulsavers, Twilight Singers und The Afghan Whigs braucht nur zwei Köpfe: Mark Lanegan und Greg Dulli. Zwei große Songwriter, die sich im Kampf um die besten Ideen doch eigentlich die Ego-Köpfe einschlagen müssten, wollten sie ein gemeinsames Album schreiben. Im Fall von Lanegan und Dulli ist das aber anders. Zwischen Taxi-Tür und Hotellobby-Angel erklären sie, warum ihre Kollaboration eine einzigartige ist, aber doch um ein Haar zu ihrem persönlichen „Chinese Democracy“ verkommen wäre.

Mark könnte jetzt anstatt einer weiteren Fragestunde eher einen Mittagsschlaf vertragen. Greg und er sind gestern Abend spät in Berlin gelandet. Man sieht den beiden Herren das Schlafdefizit und auch das absolvierte Dutzend Interviews des heutigen, eigentlich noch jungen Tages an. Es ist erst 14 Uhr, eine Zeit, zu der das Reinigungspersonal des Hotels aber kein Erbarmen kennt, sondern Lanegan und Dulli runter in die Lobby schickt. Dort gibt es einen doppelten Espresso und knackige Antworten, denn das Taxi hupt schon vor der Tür. Greg und Mark dürfen ihren Flieger nicht verpassen, müssen zuvor aber bitte noch schnell ihr gemeinsames Treiben erklären.

Mark flüstert, während Greg noch zwangsauscheckt, dass die Idee dieser gemeinsamen Sache schon lange existierte, aber nie in die Tat umgesetzt wurde. Natürlich wegen der geographischen Distanz zwischen New Orleans, wo Dulli lebt, und Marks Hauptwohnsitz L.A.. In Zeiten, in denen der kreative Austausch aber durchaus auch über das Internet möglich wäre, erscheint dies wie eine Ausrede.

„Nein, das ist keine Arbeitsweise für Greg und mich. Wir haben uns stattdessen hin und wieder zusammengesetzt, geredet und etwas Musik gemacht. Eigentlich regelmäßig, auch wenn nur dreieinhalb Ideen in eineinhalb Jahren herauskamen.“

Aber die Treffen der beiden waren auch nicht auf Arbeit und Quantität ausgerichtet, sondern auf Atmosphäre und Qualität angelegt. Denn Greg und Mark sind nun mal Freunde. Sie mögen es, miteinander herumzuhängen, sie mögen die Musik, die der andere macht oder gerade hoch und runter hört. Dies erklärt auch den Grund für ihre fruchtbare Arbeitsweise: hier wächst und gedeiht es natürlich. Intuitiv „arbeiten“ sie zusammen, wissen ohne Worte, was sie zu tun haben und was der Andere machen wird. Irgendwann begannen sie, ihre Ideen gemeinsam mit weiteren Freunden im Studio auszubreiten.

„Manchmal starteten wir mit nicht mehr als einem Schlagzeugbeat. Aus dieser Atmosphäre hat sich dann etwas für uns entwickelt. Und damit ist eigentlich kein einziger The Gutter Twins-Song ein Einzelwerk von Greg oder mir, weil jeder Song grundlegend anders klänge, wenn einer von uns nicht an ihm partizipiert hätte.“

Greg hat die Zwangsauscheckung hinter sich gebracht und stößt nun noch mit einer weiteren Doppel-Espresso-Runde hinzu. Ohne große Umschweife fällt er mit der Tür ins Haus:

„Ich denke, dass Mark einer der besten Sänger ist, die ich je gehört habe - und damit beziehe ich lebende und bereits verstorbene Sänger ein. Das ist mein voller Ernst! Es ist nicht nur der Klang seiner Stimme, sondern auch der emotionale Aspekt, den er so tief in einem Song vergraben kann.“

Ähnliche Lobeshymnen kann man natürlich auch ohne Weiteres auf Dulli anwenden, womit die Marschrichtung der The Gutter Twins eine absehbare ist: Die Songs auf „Saturnalia“ gehen ins Dunkle, fast Mystische, in spirituelle, fast transzendentale Tiefen. Es ist ein Album, das Atmosphäre ist und schafft. Ganz intuitiv, ganz freundschaftlich.

„Ich glaube Mark“, so Greg, „wenn er sagt, dass dies oder jenes Scheiße ist. Das gilt für die Musik, aber ebenso für die Dinge im Leben.“

Dieses Vertrauen haben sie nun vertont und mittels ihrer dunklen Herzen in ein Album gegossen, dessen Existenz nicht so selbstverständlich ist, wie es scheinen mag, wie Mark verrät:

„Ich flachste in einem Interview herum und sagte, dass Greg und ich ein Album machen würden. Da fragte der Journalist natürlich, wie unser Projekt denn heißen würde. Spontan sagte ich The Gutter Twins.“

Dieses unschuldige Herumwitzeln von Mark brachte den Stein ins Rollen, denn irgendwann wurde Greg nach diesem Gespenst namens The Gutter Twins gefragt und wie es um das dazugehörige Album stehen würde.

„Ich wusste nicht, wovon die Rede war.“

„Es kann gut sein“, schiebt Mark lachend nach, „dass es niemals eine Gutter Twins-Platte gegeben hätte, wenn dieses Gerücht und der nachhakende Journalist nicht gewesen wären. Eigentlich sah es nämlich eher danach aus, dass wir an einer Art „Chinese Democracy“ bastelten.“

Glück gehabt.

Aktuelles Album: Saturnalia (SubPop / Cargo)
© 01. April 2008  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister
April 2008

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