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PHIL VETTER - Bittersüße Perlen der Poesie

Wenn der Regen permanent ans Fenster prasselt, jede Bewegung zur Qual wird und selbst die Nasenhaare ergrauen, dann ist es Zeit, das Wohlbefinden durch wunderschöne poetische Musik zu renovieren. Der Münchner Songwriter Phil Vetter hat nun ein Album veröffentlicht, das alle Qualitäten in sich birgt, die es benötigt, um Heilung zu bringen. Die Westzeit lauschte dieser akustischen Medizin, um ihre Herkunft nebst Nebenwirkungen zu eruieren.

Die Roots der Sounds des mit „Sad Man Walking“ betitelten Zweitwerks des Münchner Songwriters sind tief in der Geschichte der Rockmusik verwurzelt. Wobei zu vermerken wäre, dass Jimi Hendrix indirekt, Leonard Cohen direkt als Impulsgeber verantwortlich sein könnten...

„Die Einflüsse des Herrn Hendrix sind eher etwas unterschwellig eingeflossen. Es geht mir auch mehr um ein Gefühl, dass die Musik von diversen Künstlern vermittelt. Ich bin über die Jahre von vielen Musikern bewusst oder unbewusst beeinflusst worden. Auch wenn sie ihre Gefühle ganz anders ausdrücken, fühle ich mich doch stark von der Kraft der Performance solcher Leute, siehe Jimi Hendrix, inspiriert. Zudem ist es richtig, dass beispielsweise mein starker Hang zu ein- bis zweistimmigen Frauen-Backings ohne Leonard Cohen vielleicht nicht existieren würde.“

Vetter gelingt es, musikalische Ansätze der Fab Four mit jenen der Underground-Helden von VU zu verbinden.

„An den Beatles fasziniert mich, neben dem genialen Songwriting, der Ideenreichtum der Instrumentierung. Der Mut, Dinge zu tun, die zuvor niemand machte. Velvet Underground glänzten hauptsächlich durch Dilettantismus und ´Scheißegal-Attitüde´. Das kann man wunderbar kombinieren. Da ich, bis auf einige Gastauftritte von z.B. Flo Riedl an diversen Blasinstrumenten, alle Instrumente selbst spiele, fühle ich mich der Virtuosität von Velvet Underground sehr nahe. Irgendwann habe ich mich entschlossen, mir möglicht viele Instrumente selbst beizubringen. Das hat zur Folge, dass ich auf keines wirklich spezialisiert bin. So entsteht ein gewisser Dilettantismus. Bezüglich der Stimmung der Gitarren halte ich mich wieder an die Beatles...“

„Sad Man Walking“ klingt ungewöhnlich entspannt, wohlig und beruhigend...

„Ich habe, zusammen mit meinem Co-Produzenten Umberto Echo, stets darauf geachtet, dass vor allem die Gesangslinien entspannt daher kommen. Ein großes Maß am ´Laidbackfeeling´ kam sicher zustande, weil ich während der Aufnahmen alles andere als gut drauf war. Der Blues von schwerem Liebeskummer hat scheinbar eine wichtige Rolle für den Sound des Albums gespielt. Die Bassistin musste, nachdem sie mich verlassen hatte, leider auch die Band verlassen... Mein neuer Bassist Dan Halden bemerkte, dass keins der Instrumente auf dem Album nach 1978 erfunden wurde... Ich mag den Sound von akustischen Instrumenten, Orgeln, von Röhren-Amps und alten Mikrofonen. Andererseits liebe ich die Arbeit mit neuen Aufnahmemedien am Computer. “

Der Albumtitel ist an einen David Bowie-Track bzw an einen Kinofilm angelehnt.

„Klar, an ´Dead Man Walking´. Nachdem mich während der Produktion meine große Liebe verlassen hat, gab es Zeiten, in denen ich das Gefühl hatte, nie wieder froh sein zu können. So entstand einen Tag nach der Trennung der Song ´Sad Man Walking´. Plötzlich war dieses Wortspiel da... Was war noch übrig von mir, nachdem der Mensch, der mir am nächsten stand, plötzlich jener war, der mir am allerfernsten ist. Ein toter Mann? Nein, ein sehr trauriger Mann. Dennoch voller Hoffnung, von Lebenswillen erfüllt. Eben ´Sad Man Walking´ , nicht ´Dead Man Walking´.“

Den Karriereweg ging Vetter seit 1990 über eine ´Acoustic-Punk-Band´ namens Garden Gang zum ersten Solo-Project ´Erdling´ (Grunge mit deutschen Texten). Anschließend spielte er Bass bei den Münchner Crash-Poppern von ´Sitter´.

„Dann gründete ich die Band `Big Jim´, mit der ich die nächsten Jahre relativ erfolgreich durch die Gegend zog, zwei Alben und mehrere EPs aufnahm. Nach vielen Höhen & Tiefen, komischen Plattenverträgen und Burnoutsyndrom, besann ich mich auf meine Wurzeln, die ich irgendwann mit 13 oder 14 geschlagen hatte. Ich fand zurück zum melancholischen Song. Als ich ´Say Goodbye To The Moment´ (Solo-Debutalbum) zu schreiben begann, begab ich mich auf eine musikalische Heimreise. Ich wollte suchen, was ohne Plattenfirmen und Bandkollegen aus mir heraus kommt. Ich hab's gefunden!“

Aktuelles Album: Sad Man Walking (Skycap / Rough Trade)
© 01. April 2008  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe
April 2008

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