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AMBER SMITH - Ungarische Utopie

Amber Smith repräsentieren in gewisser Weise den Neuaufschwung Ungarns nach seinem langen Siechtum, beginnend mit dem Schattendasein im Kaiserreich Österrreich-Ungarn bis hin zum kommunistischen Koma. Zwar lebten die Pußta-Bauern und ihre Arbeiterkollegen in den Städten an der Donau freizügiger als polnische oder tschechische Genossen. Doch nach dem großen Aufatmen kam erheblich mehr Bewegung in die Musikszene der Magyaren. Plötzlich wimmelte es nur so vor Bands aus den Bereichen Hard Rock, Punk, Ambient, Gothic, Hausfrauen-Mucke und Ethno-Pop. Amber Smith haben sich in der kurzen Zeit ihrer Existenz einer gänzlich anderen Sparte gewidmet – Gruft-Pop plus Pink Floyd, versalzen mit einer oft allzu deutlichen U 2- und A-HA-Attitüde. Ihre Texte sind glücklicherweise ambitionierter. So ziehen sich Hinweise auf Ray Bradbury, den genialen Schöpfer bedrohlicher Zukunftsromane, durch ihr neues Album „Reprint“.

Bandchef Imre Poniklo erläuterte sein Verhältnis zu Bradbury und zur eigenen Entwicklung.

Welche Bedeutung hat der 1920 in Waukegan (Illinois) geborene Ray Douglas Bradbury für dich persönlich und für euer neues Album?

„Bradbury stellte einen ungeheuer großen Einfluß beim Schreiben von ’Reprint’ dar. Meine frühere Freundin gab mir ’The Martian Chronicles’, und seither habe ich das Buch immer wieder gelesen, erneut während der Arbeiten an dem Album.“

Ray Bradburys bekanntester Roman ist ’Fahrenheit 451’ aus dem Jahr 1953. Er wurde 1966 unter der Regie von François Truffaut verfilmt. Hast du das Buch gelesen und den Film gesehen? Falls ja, könntest du aus deiner Sicht beschrieben, inwiefern die Inhalte relevant für die gegenwärtige Situation in der Welt sein könnten?

„Ich hab’ das Buch gelesen und auch den Film gesehen. Da geht es mir wie fast allen Leuten, die ihre Lieblingsromane verfilmt erleben: „Ach, na ja, den habe ich mir aber anders vorgestellt.“ Was ich damit sagen will: Es ist schon ein verdammt guter Film. Aber ich ziehe das Buch trotzdem vor. Es ist phantastisch, bedrohlich und wirklich bedeutungsvoll.

Gott sei Dank sind Bradburys Visionen in der heutigen Welt nicht Wirklichkeit geworden, oder sollte man sagen ’noch nicht’? Denn wir gehen ja genau in diese Richtung der menschlichen Entwicklung, die Bradbury vorausgesehen hat – vielleicht nicht ganz so schnell, aber auf jeden Fall doch so, daß man kaum sagen könnte: „Das kann bei uns nicht passieren.“

Siehst du eine Verbindung zwischen den utopischen Welten, die bei Bradbury und in Aldous Huxleys ’Brave New World’ entworfen werden, und welche Bedeutung hat Huxley überhaupt für dich?

„Genau genommen gar keine, denn ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich diesen Roman nie gelesen habe. Aber ich werde mir ’Brave New World’ gleich als nächstes vornehmen.“



Wie ’übersetzt’ du die Texte in Musik? Gibt es ein Schema oder ein bestimmtes Vorgehen?

„Meist schreiben wir die Musik und benutzen dabei eine Art Nonsens-Englisch. Das ist sehr hilfreich – denn gleich parallel auch noch inhaltsreiche Geschichten zu verfassen, wäre unmöglich. Also finden wir auf diese Weise zunächst die notwendige Silbenzahl, und anschließend kann ich mich hinsetzen und die geeigneten Worte finden, um das Ganze sinnvoll werden zu lassen. Meist höre ich mir dafür das Demo an und suche nach Worten, aber manchmal – und das sind die erhebendsten Momente – fließen schon während des Komponierens die Worte förmlich aus mir heraus, ohne Punkt und Komma.“



Die textlichen Einflüsse hast du bereits erwähnt. Wie aber sieht es aus mit den Bands, die dich/euch musikalisch geprägt haben?

„Das hat von Beginn an sehr häufig gewechselt. Aber mein absoluter ewiger Held ist Morrissey! Außerdem habe ich die Smiths gehört, als ich 14 war. Aber glücklicherweise waren die Neunziger erheblich interessanter. Am meisten haben mich dabei die Indie-Gitarrenbands beeindruckt, zum Beispiel Manic Street Preachers, Pulp, Suede und vor allem Portishead, eine der bedeutendsten Bands der neunziger Jahre. Aber ich liebe auch David Bowie und die Beatles – aber wer tut das nicht?“


Wollen wir also hoffen, daß für das nächste Album von Amber Smith noch einige Ideen mehr auf den Erdbeerfeldern der Ewigkeit geerntet werden.
© 01. März 2006  WESTZEIT ||| Text: Cathrin Thomas
März 2006

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