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JIM WHITE - Fast zu Hause

Jim White ist ja bekanntlich einer der letzten wirklichen Exzentriker der Musikszene. Immerhin begann des Mannes Karriere mit einer Reihe von Jobs, angesichts derer sich der Normalverbraucher verwundert schütteln mag: Als Schreiner zersägte er sich in der Jugend seine Gitarrenhand, dann arbeitete er als Arbeitsloser, als Model, als professioneller Tischfußballspieler – bis er dann irgendwann beim Singen anlangte.

Sein eigenwilliger Lebensstil übertrug sich nahtlos auf seine Songs, die in einer eigenartigen Parallelwelt stattzufinden schienen, in der White ziellos herumzuwandeln schien. Zwar ist er mittlerweile Vater und seßhaft geworden und nach Florida gezogen - damit seine Tochter nicht inmitten von Hundekot in New York aufwächst. Auch ist – dank seiner Gäste wie Joe Henry, Aimee Mann oder Oh Susanna - seine Musik in Maßen zugänglicher geworden, aber seltsam ist sie immer noch - oder? „Da gibt’s nichts gegen zu sagen“, lacht Jim, „ich bin ja auch ein bißchen crazy. Ich habe Probleme mit meinem Geist und meiner Psyche. Ich habe aber mit meinem Geist Frieden geschlossen, bin mit mir ins Reine gekommen und das ist der unterhaltsame Teil dabei. Wenn Du nämlich wahnsinnig bist und gegen Deinen Geist kämpfst, ist das nicht sehr unterhaltsam. Ich kenne meine Defizite und habe diese akzeptiert. Das heißt, daß ich auf dem Weg nach Hause bin.“ Summa Summarum ergibt dies dann wohl den spezifischen White-Sound, bei dem sich immer alles aufzulösen und neu zusammenzusetzen scheint und in dem lange Textpassagen herumschwirren und den Anker bilden, gell? „Nun – da gibt’s einige Dinge“, erläutert Jim seinen Sound, „weil ich so viele Wörter in meinen Texten habe, bleibt nicht soviel Raum für Änderungen beim editieren. Ich habe alle Tracks mit zu mir nach Hause genommen, wo ich Pro-Tools habe und habe dann gewissen Trademark-Sounds hinzugefügt. Ich liebe das Editieren. Ich begann, wie Du weißt, als Film-Editor und ich liebe den Prozeß, den Stücken eine Landschaft zu verpassen, wie ich das nenne. Blumenbeete zu pflanzen, wenn Du weißt, was ich meine.“ Ach ja: Die BBC drehte neulich einen Film, der auf Jim’s Kurzgeschichte ‘Wrong Eyed Jesus’ basierte, die wiederum die Basis für seine erste Scheibe bildete und in der es um die spezielle Art religiösen Fanatismus im Süden der USA ging. Jim brachte dem Filmteam eine zentnerschwere Jesus-Statue vorbei um das Thema zu illustrieren. Was bedeutet Religion und Jesus denn heutzutage für Jim? „Jesus ist heutzutage eine Ikone, die sich über die Landschaft meiner Vergangenheit erhebt. Ich verwende ihn als Landmarke. Es ist aber nicht mein zu Hause. Es ist etwas Diffuses, nach dem ich mich richte und sage: Osten oder Westen. Es hat aber keine spirituelle Bedeutung für mich. Nicht daß ich sage, daß mich das Spirituelle nicht interessiert, aber ich bin nicht an irgend einem närrischen, organisiertem Religionskonzept interessiert.“ Und was will uns bitte der Titel der neuen CD sagen? „‘Drill A Hole In The Substrate And Tell Me What You See’ ist etwas, was ich einen Bauarbeiter sagen hörte, der in der Straße Kanalrohre suchte“, berichtet Jim, „es kam mir dann irgendwann, daß dieser Spruch die perfekte Metapher für mein Leben ist. Es ist ja so, daß mein Geist nicht richtig sortiert war und ich immer versucht habe, herauszufinden, wo denn die Rohre waren, die ich dort und da suchte. Es war also mein Ding, Löcher zu bohren – aber der interessante Teil des Spruches war: ‘sag mir was Du siehst’. Übertragen auf mich heißt das, daß ich möchte, daß andere Leute mir sagen, was sie sehen.“

Aktuelles Album: Drill A Hole In The Substrate And Tell Me What You See (V2)
© 01. August 2004  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer
August 2004

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