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JULIANNA BARWICK - Unwirkliche Schönheit

Die Zeitlupen-Musik, die Julianna Barwick kreiert, ist zumeist wortlos, verzichtet auf den vordergründigen Einsatz traditioneller Instrumente und schöpft ihre Kraft und Schönheit stattdessen praktisch ausschließlich aus der betörend sanften, vielfach geloopten und sorgfältig geschichteten Stimme der Protagonistin.

Mit ihrem dritten Album verlässt die Amerikanerin nun erstmals den Pfad der solistischen DIY-Homerecordings. Auf Einladung von Alex Somers, dem Partner von Sigur-Rós-Frontmann Jónsi, nahm sie ´Nepenthe´ in Island mit dezenten, aber wirkungsvollen Gastbeiträgen von seelenverwandten Musikern wie Múms Róbert Sturla Reynisson oder dem Streichensemble Amiina auf, nachdem der hochgelobte Vorgänger, ´The Magic Place´, noch von Anfang bis Ende im Alleingang entstanden war.

"Der größte Unterschied war, dass es dieses Mal jemanden gab, der zuhörte und immer wieder Kleinigkeiten angepasst hat", erklärt Julianna im Westzeit-Interview. "Solch einen Partner zu haben, war eine vollkommen neue Erfahrung für mich. Hinzu kam, dass wir all die Gäste an Bord hatten. Im Kern ging die Arbeit zunächst genauso vonstatten wie bei all meinen Platten bisher, aber in dem Moment, in dem die Gäste dazukamen, änderte sich alles."

Als große Neuorientierung möchte sie ´Nepenthe´ aber dennoch nicht verstanden wissen.

"Ich bin immer noch die Gleiche, die ich war, als ich angefangen habe, Musik zu machen", betont sie.

"Ich möchte nicht respektlos klingen, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich wirklich von anderen Künstlern beeinflusst bin, wenn ich Musik mache. Meine Musik entsteht auf so natürliche Weise, dass da gar kein Platz bleibt, um andere Einflüsse einzubringen. Wenn überhaupt, bin ich wohl von Soundtracks beeinflusst. Das ist die Musik, die bei mir wirklich hängen bleibt. Ich bin zwar eine begeisterte Musikhörerin, aber das bin ich nicht, weil ich auf der Suche oder der Jagd nach Inspiration bin."

Das belegt auch ein Blick auf die Anfänge von Juliannas Plattensammlung. Die ersten Scheiben, die sie sich selbst kaufte, stammten von Whitney Houston und Lionel Richie!

"Seitdem hat sich mein Geschmack nicht sonderlich weiterentwickelt", sagt sie lachend. "Okay, das stimmt nicht ganz, aber auch heute höre ich noch regelmäßig Mariah Carey, Rihanna und Drake – und wenn ich ´regelmäßig´ sage, dann meine ich ´fast täglich´. Ich bin auch immer noch eine leidenschaftliche Anhängerin von Whitney Houston und liebe den 90er-Jahre-R´n´B und Hip-Hop von ganzem Herzen. Als ich dann ein bisschen älter wurde, fing ich an, auch klassische Musik zu hören, und da ich seit 2001 in New York lebe, hatte ich zum Beispiel die Chance, Animal Collective bei einer ihrer allerersten Shows im Tonic zu sehen, als sie noch auf dem Boden sitzend vor 45 Leuten gespielt haben. Das das hat mir eine völlig neue Welt eröffnet. Seitdem ist mein Geschmack ziemlich breit gefächert."

Trotzdem passiert es der Amerikanerin immer wieder, dass sie mit Künstlern verglichen wird, mit denen sie sich gar nicht sonderlich ausführlich beschäftigt, wie sie lachend gesteht:

"Oh ja, das passiert mir wirklich oft, ganz häufig höre ich: ´Du musst ja von Steve Reich geradezu besessen sein!´ Ähm, nee, ich habe noch nicht einmal eine Platte von ihm! Ich glaube, mein Mann hat eine, aber das ist auch schon alles. Natürlich höre ich mir gelegentlich die Sachen an, mit denen meine Musik verglichen wird und die mir ans Herz gelegt werden, Brian Eno zum Beispiel. Ich werde gerne mit ihm verglichen und natürlich kenne ich einige seiner Sachen, aber längst nicht so viele, dass ich mich für eine Expertin halten würde."

Auf ´Nepenthe´ fügt sie nun der Ambient-Grundstimmung, die ihre Platten seit jeher auszeichnet, erstmals fast schon als poppig zu bezeichnende Elemente hinzu, läuft aber dennoch nie Gefahr, die Grundfesten ihrer Musik damit zu untergraben. Spontaneität und Intuition sorgen dafür, dass Julianna Barwick eine Ausnahmekünstlerin ist und bleibt.

Aktuelles Album: Nepenthe (Dead Oceans/Cargo)
Weitere Infos: www.juliannabarwick.com
© 01. September 2013  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld ||| Foto: Shawn Brackbill
September 2013

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