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J MASCIS - Die Entdeckung der Langsamkeit

Überraschend und konsequent, wie J Mascis im Zuge der gerade geglückten Reunion seiner allerorts als Alternative Pioniere verehrten Band Dinosaur Jr. doch noch Zeit für die eigene Karriere findet. „Ich trage diese Idee schon ewig mit mir herum“, nuschelt es aus seinem dreitagebehaarten Gesicht und wenn man sich richtig Mühe gibt, entsteht sogar ein Gespräch – über sein neues Soloalbum „Several Shades Of Why“, dem Leben daneben und von der Motivation, nicht länger nur als Indieheld wahrgenommen zu werden.

„J würde gerne noch zu Ende essen, ist das okay?“, fragt Mascis’ Manager gleich zur Begrüßung in einem Berliner Restaurant und als wäre man nicht schon in Erfurcht genug gebadet, muss man seinem Jugendidol auch noch beim Verspeisen einer riesigen Portion gebratener Nudel zuschauen: „Echt lecker!“, stammelt dieser vor sich hin, legt die Gabel beiseite und – schweigt.

Nicht das erste Mal, denn J Mascis gilt allerorts als „Journalistenschreck“ und dürfte mit seinem Konterfei inzwischen als inoffizielle Erklärung für den Begriff „wortkarg“ im Duden auftauchen: Wenig bis gar nichts bekomme man aus ihm heraus, keine Silbe zu viel verlässt seine Lippen und wenn er mal in Laberlaune verfällt, dann höchstens mit Kumpels und Kollegen. Ein Versuch ist es trotzdem wert.

Und siehe da, der Herr hat einen guten Tag und unterbricht sein Gegenüber sogar bei dessen erster Frage, warum es nach zwei gelungenen Comeback-Alben mit Dinosaur Jr. nun Solo weitergeht:

„Ich arbeite antizyklisch. Wenn ich Songs schreibe, dann nicht für irgendein Projekt, sondern nur für mich. Zu Dinosaur Jr. passten diese Lieder nicht – also nahm ich sie alleine auf.“

Allein ist ein gutes Stichwort, denn wirklich „allein“ hat Mascis bisher noch nie gearbeitet: Abseits der Brötchen gebenden Combo war stets eine Begleitband am Start und doch ist „Several Shades Of Why“ nicht nur deswegen ein ganz besonderes Album für ihn geworden:

„Ich musste mich einzig auf meine Stimme konzentrieren. Diesmal gab es keine lauten Gitarrenlicks, die man im Zweifel drüberlegen konnte“, erklärt er ein wenig rührselig und durchforstest seine Bratnudeln als verstecke sich ein geheimnisvoller Schatz unter ihnen. Welcher jedoch vielmehr in den neuen Songs zu finden ist:

Während fast ausschließlich die Gitarren (ein einziges Mal durch Drums unterbrochen) den Großteil der Platte dominieren, sind es Mascis wahnsinnig tolle Geschichten, die immer wieder neue Aspekte ans Tageslicht befördern: „Wenn du ein minimales Album aufnimmst, musst du gute Stories in petto haben, damit die Sache funktioniert.“

Richtig und so wirkt „Several Shades Of Why“ wie ein Tagebucheintrag Mascis’, der über Gott und die Welt, Liebschaften und die Ehe an sich sinniert. Stets abstrakt, denn einfach ist hier höchstens die Instrumentierung geraten. Lange habe er für die Platte allerdings nicht gebraucht und eine gewisse Rastlosigkeit bestimmte den Aufnahmeprozess.

„So ganz kann ich aus meiner Haut eben doch nicht raus: Dinosaur Jr. sind schließlich nicht gerade dafür bekannt, dass sie jahrelang im Studio hocken, ehe ein neues Werk erscheint“, fügt er hinzu und fast ist man geneigt zu glauben, ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen zu vernehmen.

Fehlanzeige, J Masics wart die Contenance und bekräftigt, dass „Several Shades Of Why“ keineswegs das erneute Ende seiner Band Dinosaur Jr. bedeute – „wir haben noch so viele Dinge in die Tat umzusetzen, dass ein Musikerleben gar nicht ausreicht. Jetzt wollte ich aber einfach mal mein eigenes Ding durchziehen.“

Mit Erfolg, selbst wenn das erste waschechte Solowerk nicht wirklich den Sound bietet, den Fans vielleicht erwarten, darf der stille Riese seine gebratenen Thai-Nudeln durchaus genießen. Verdient hat er sich die Portion ohne Frage, selbst wenn er kapitulierend das Besteck beiseite legt.

„Several Shades Of Why“ hingegen ist so vorzüglich geraten, dass Nachschlag der einzig offene Wunsch bleibt. Vielleicht wieder im Kreise seiner Band - wenn möglich.

Aktuelles Album: Several Shades Of Why (SubPop / Cargo)
© 01. März 2011  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth
März 2011

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