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HANDSOME FURS - Unser Körper, unser Kapital

Ist die Karriere einer Rockband planbar wie die eines Unternehmens? Laut den Aussagen der Handsome Furs durchaus möglich: „Sofern du genau weißt, wo du mit deiner Musik hin willst“, erklärt Sänger Dan Boeckner und führt das neue Album „Face Control“ als Beweis an. Hier scheint jemand die Rechnung mit dem Wirt gemacht zu haben.

Vor einem Jahr schafften Wolf Parade den kommerziellen Durchbruch. Ihre zweite Platte „At Mount Zoomer“ wurde allerorten als erfrischendes Statement im festgefahrenen Alternative-Bereich gefeiert und ganz beiläufig stieg damit das Interesse an den vielen Nebenprojekten der einzelnen Mitglieder. Handsome Furs nennt sich eines davon.

„Viele wundern sich immer, das ich in zwei Bands als Songwriter tätig bin“, erklärt Mastermind Dan Boeckner, „ich finde das super. Weil ich viele Ideen, die mit Wolf Parade nicht umsetzbar sind, mit den Handsome Furs ausprobiere. Deswegen gibt es meinerseits keinerlei Bedenken, ob zwei Jobs auf den Schultern eines Musikers zu viel sind.“

Während er bei seiner Hauptband eine Reihe von Kumpels um sich versammelt, sieht die Struktur bei den Handsome Furs anders aus: Hier ist es allein Dans Frau Alexei Perry, die ihn tatkräftig unterstützt. Seit nunmehr vier gemeinsamen Jahren.

„Face Control“ nennt sich ihr aktuelles Release und wurde zu einem Konzeptalbum wider Willen: „Hinter unserem Debüt ‚Plaque Park’ sahen viele einen großen Masterplan versteckt, weil der Sound ziemlich homogen rüber kam. Eigentlich war das eher Zufall und sollte beim neuen Album nicht passieren.“ Doch es kam anders!

Eine Russland-Tour beeindruckte die beiden so sehr, dass sie alle guten Vorsätze über Bord warfen und nicht nur Vladimir Putin auf der Rückseite des Covers zu finden ist, sondern auch der Titel durch eine Partynacht in Moskau entstand, wie Alexei erklärt:

„Dort gibt es ganz rigide Türsteher. Du kannst noch so stylish aussehen, wenn die Security nicht der Überzeugung ist, du hast genug Geld in der Tasche, kommst du nicht rein!“

Ein rastloser Abend, der irgendwann in einer Hotelbar endete. Dort erklärte ihnen der Barkeeper, dass so was ganz normal sei und es kaum einen russischen Club ohne die so genannte „Face Control“ gäbe. Das fanden die beiden so interessant, dass sie sich länger damit beschäftigten und schlussendlich ein ganzes Album draus strickten.

„Ich finde es inzwischen nicht mehr schlimm, konzeptuell zu arbeiten“, fügt Alexei hinzu, „auf diesem Wege gibt es weniger ungewollte Deutungsmöglichkeiten und du zeigst deine Intension viel klarer. Wir sind uns sicher, dass diese Erkenntnis den Handsome Furs kreativ weitergeholfen hat.“

Es zeigt aber auch, dass Dan Boeckner nach seinem Erfolg mit Wolf Parade viel offner geworden ist – wie wäre es sonst zu erklären, dass das Photo Shooting zum Release von „Face Control“ fast in einen Erwachsenenfilm geendet wäre:

„Alexei meinte, dass ihr Bandbilder oftmals nicht gefallen, weil die Musiker steif und bewegungslos abgelichtet werden. Deswegen posierte sie in ziemlich aufreizenden Posen und schaffte sogar mich zu animieren.“

Nach anfänglichen Bedenken hat Dan inzwischen seinen Frieden mit den Aufnahmen gemacht und sieht einen Vorteil darin: Jetzt bliebe dem Hörer der Handsome Furs nichts anderes übrig, als die Pille zu schlucken oder abzulehnen.

„Die Songs haben einen stark elektronischen Charakter und die Gitarren verleihen den kalten Beats viel Sex-Appeal. Wer das mag, wird auch mit unserem Erscheinungsbild klarkommen.“

Das eigentlich Erstaunliche ist jedoch nicht der ausgeklügelte Plan, sondern das dazugehörige Material: „Face Control“ wirkt beschwingter als sein düsterer Vorgänger und zelebriert mit allerhand Gerätschaft einen hedonistischen Elektropop, den so wohl niemand erwartet hätte.

Dan Boeckner kann stolz auf sich sein: Zusammen mit seiner Frau Alexei ist ihm ein echtes Hauptwerk gelungen – obwohl die Handsome Furs als ein Nebenprojekt gelten.

Aktuelles Album: Face Control (Sub Pop / Cargo) VÖ: 13.03.
© 01. März 2009  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Liam Maloney
März 2009

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