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THE PRODIGY - Ein Leben aus Melodie und Rhythmus

The Prodigy legen endlich ein neues Album vor. „Invaders Must Die“, so der leicht blutrünstige Titel. Dabei handhaben es die Jungs um Liam Howletts Keyboard-Burg, allen voran Keith Flint und Maxim Reality im richtigen Leben deutlich anders. Als am 12. und 13.12. knapp 7.000 Invasoren jeden Alters und unterschiedlicher Szene-Zugehörigkeit vor den Toren der Londoner Brixton Academy auftauchen, gibt es keine Toten. Ihnen wird sogar die Tür hoch und die Tor weit gemacht. Um anschließend zu mitternächtlicher Stunde fast um ihr Gehör gebracht zu werden. Kompromisslos. Glaubwürdig. Das Publikum verschmilzt zu einer einzigen, großen, wogenden Masse. Zu genau weiß die Band, was eine brachial-rhythmische Harke ist. Fazit, sie haben nichts verlernt, die wild tanzenden Kerle von The Prodigy.

Lange haben sie sich Zeit gelassen mit einem neuen Produkt. Fast fünf Jahre dauerte die Schaffenspause. 2004 erschien die letzte reguläre Studio-CD ´Always Outnumbered, Never Outgunne´. Gleich um die Ecke vom legendären Rough Trade-Platttenladen in London laden Liam Howlett und Keith Flint zum Plauderstündchen über die neue Produktion. Gleich zu Beginn nehmen sie das Maul ziemlich voll.

„Wir repräsentieren all das, was England so großartig macht und sollten deshalb wie ein nationales Kulturerbe geschützt werden.“ Das sitzt. Selbstbewusstsein hat noch niemandem geschadet. Liam Howlett ergänzt, „ich nehme für zwar nicht in unbedingt in Anspruch, dass wir die Breakbeat-Ära losgetreten haben. Aber wir waren und sind Teil dieser Bewegung und haben uns an die Spitze gesetzt. Die Mod-Szene wird respektiert, die Beat-Szene ebenso. Da wird man das gleiche doch wohl die Rave-Szene auch einfordern dürfen.“

Nach fast 20 Jahren Pionierarbeit in Sachen Verschmelzung von musikalischen Wurzeln aus Underground, hochgepitchten Hip-Hop- und Industrie-Klängen zu einem heißen Cocktail, dürfen The Prodigy das mit Fug und Recht und lauthals einfordern. Wer Rockfanatiker und Raver auf eine gemeinsame Tanzfläche lockt, der hat nicht zu knapp Epochemachendes vorzuweisen.
Kreatives Feuer
Doch warum hat es dann so lange gedauert, bis neues Material auf Platte gebannt werden konnte?
„In dir muss einfach ein gewisses Feuer lodern, das flammend heiß genug ist, Soundelemente verschmelzen zu können. Bei „Always Outnumbered, Never Outgunne“ haben wir die Sache etwas zu weit getrieben“, erklärt Keith Flint, „das Feuer loderte zwar, aber trotzdem ist eine DJ-Beats-Sammlung daraus geworden, die live nicht mehr spielbar war. So was wollten wir keinesfalls wiederholen. Hinzu kam, das jeder auch noch so ein Nebending am laufen hatte.“
Dass The Prodigy mit den aktuellen Stücken wieder eine auditive Attacke reiten, die live erst so richtig zur Explosion gebracht werden kann, das haben bereits die Konzerte beim 2008er Rock am Ring beziehungsweise Rock im Park eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Ihre Weiterführung bis zu einem grandiosen Höhepunkt fand dann im vorweihnachtlichen London statt.
„Wir haben zwischenzeitlich ja noch die Hit-Compilation „My Law“ gemacht“, konstatiert Liam Howlett „und das war ein wichtiger Zwischenschritt. Mit jeder Nummer, die wir dafür ausgewählt haben, wurden wir daran erinnert, wie geil das Live-Spielen doch ist. Die erste Glut für Neues fing hier an zu glimmen.“
Die Energie, die Kraft und auch die Relevanz, welche die Arbeit an den neuen Stücken für die gesamte Band freigesetzt hat, sind beim Interview im ganzen Raum zu spüren. Es umgibt die Musiker wie eine Aura.
„So etwas kannst du nicht vortäuschen“, erläutert Keith Flint, „du kannst nicht hingehen und sagen, o.k., jetzt lassen wir einfach mal die alte Energie wieder raus. Entweder sie ist da oder eben nicht. Punkt.“
Urbane Inspiration
Neben dem Bandfeuer, das brennt bedarf es natürlich eines gerüttelt Maß an genialen Einfällen. Auch die fallen bekanntlich nicht vom Himmel.
„Ja, da musst du raus, da musst du dich inspirieren lassen“, plaudert Liam Howlett aus dem Nähkästchen, „ich lauf zum Beispiel häufig hier durch die farbenfrohe Szene rechts und links der Portobello Road. Die eine Seite ist wohlhabend, die andere arm. Eine explosive Mischung von Menschen, Tönen und Gefühlen. Das sauge ich dann auf. Wie ein Schwamm. Zusätzlich gibt es hier im Viertel eine ganze Reihe Vinyl-Plattenläden. Dort suche ich immer nach Funk- und Rare-Grooves. Das ist die Basis für unseren Breakbeat. All unsere Stücke sind inspiriert vom Groove. Daraus versuche ich dann einen originellen Sound zu entwickeln, etwas, was man so vorher noch nie gehört hat.“
The Prodigy reflektieren in ihren neuen Stücken das urbane Leben in seinen diversen Spannungsfeldern. All das wird verbunden mit einer deutlich hörbaren Rückschau auf die alten Errungenschaften von The Prodigy, die in die Jetzt-Zeit überführt werden. Dabei ist der Grooveanteil nur eine Zutat. Mit ihr allein funktioniert ein Prodigy-Lied nie und nimmer. Ganz wesentlich und unverzichtbar ist auf „Invaders Must Die“ wieder die Melodie.
„Auf den letzten beiden Alben haben wir die Melodie zugunsten des großen Krachs deutlich vernachlässigt. Ich will nicht sagen, dass dies ein Fehler war. Aber wir wollen ihr auf der aktuellen CD wieder zu neuem Glanz verhelfen. Sie hat für uns schlichtweg wieder an Bedeutung gewonnen“, erzählt Liam Howlett. Oft werden Text und Musik im Proberaum gemeinsam entwickelt. „Liam kommt mit Skizzen, Musikfetzen oder fast fertigen Stücken“, erklärt Keith Flint „während daraus ein Musikstück wächst, trällere ich, singe ich , schreie ich oder summe ich irgendwas dazu. Immer wieder. Immer mehr. Alles, aber auch alles wird dabei aufgenommen. Dann basteln wir daraus ein großes Ganzes aus Text und Musik, den fertigen Song.“
Community-Pflege
Es ist schon ein Husarenstück, fast in Minutenschnelle die Londoner Brixton Academy zweimal auszuverkaufen. Im April wird die Truppe die Wembley Arena ebenfalls zweimal bis auf den letzten Platz füllen. Das sind mal eben 90.000 Tickets. Dazu muss man wissen, dass auch in England das neue The Prodigy-Album erst noch kommt. Keine Frage, darüber war zu reden.
„Zu einen haben wir offensichtlich sehr treue Fans. Aber wir halten über unserem Internetauftritt auch intensiven Kontakt zu ihnen. Gerade für sie halten wir dann schon mal einen kostenlosen Download bereit. Und live haben wir sie auch immer gut bedient und am Schwitzen gehalten. All das honorieren sie, auch indem sie uns die Karten aus den Händen reißen.“
Darin können die deutschen Anhänger von The Prodigy im März ihren englischen Vorbildern nacheifern. Für drei Shows kommt die Band nach Berlin, Köln und München.
Eins ist sicher, das musikalische Rad haben The Prodigy mit „Invaders Must Die“ nicht neu erfunden. Aber bestand dazu überhaupt eine Notwendigkeit? Oder hat das wirklich jemand erwartet? Weder noch. Eins aber haben The Prodigy formvollendet hingekriegt, eine Rückbesinnung auf ihren Knallersound und eine zeitgemäße Verfeinerung. Und sie haben darüber hinaus etwas ganz wesentliches geschafft. Sie sind keine musikhistorische, absolut beliebige Zirkusnummer geworden. Und vor allem, sie langweilen nicht und haben immer noch so richtig Feuer im Hintern. Was will man denn mehr?
Aktuelles Album: Invaders Must Die (Universal) VÖ.: 20.02.
© 03. Februar 2009  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Paul Dugdale / Franz X.A. Zipperer
Februar 2009

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