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GHOST OF TOM JOAD - Flucht nach oben - Von Münster Richtung „Matterhorn“: Ghost Of Tom Joad kraxeln hoch hinaus

Zermatt, 1865: der britische Bergsteiger Lord Francis Douglas bezwingt das Matterhorn. Eine Pionierleistung, vor ihm hatte es noch niemand auf den Gipfel und zurück geschafft. Zur Legende aber wurde seine Geschichte wegen ihrer Tragik: Douglas starb beim Abstieg, er wurde 18 Jahre alt. Seine Leiche wurde nie gefunden.

Alaska, 1992: In einem verfallenen Bus finden Jäger die Leiche eines jungen Mannes. Jon Krakauer recherchierte die Geschichte von Christopher McCandless, der College und Karriere schmiss und auszog, die Natur und sich selbst zu finden. Seine Reportage „Into The Wild“ wurde ein Bestseller und 15 Jahre später von Sean Penn verfilmt. McCandless starb als unmöglicher Eremit, aber das wusste er damals noch nicht.

Berlin-Kreuzberg, September 2008: Ghost Of Tom Joad nehmen ihr zweites Album auf. Wong-Studio, Freitag Abend. Bass, Schlagzeug und Keyboards haben Jens Mehring, Christoph Schneider und Henrik Roger seit einer Stunde im Kasten. Von Punk- oder Tanzmusik in diese Stadium kaum eine Spur. Muff Potters Dennis Scheider sitzt wieder als Produzent am Mischpult. Neben ihm prangt ein großer Zettel an der Wand mit Arbeitstiteln, darunter „Fuerto Ventura“, „Teneriffa“, „Grönland“, „The Body Of Lord Douglas“. Der Titel aber steht: „Matterhorn“, wiederholt Henrik die Überschrift mit leuchtenden Augen. Seine eigentliche Arbeit steht erst noch bevor. Next stop: Popschutz-Studio, Gesang und Gitarren. Scheider berichtet Tage später begeistert, dass ihn manche Songs an The Postal Service oder The Streets erinnerten.

Münster, Februar 2009: Derart aus der eigenen Sichtweite entfernt haben sich Ghost Of Tom Joad nun nicht - mit der Unbändigkeit des Debüts hat „Matterhorn“ aber nicht mehr viel gemein. Auf seinem Cover prangt ein Tiger in Boxhandschuhen, der Henrik erst zum Text der Single „Into The Wild“ inspirierte: „Alles hat sich gegenseitig bedingt. Und durch das wahnsinnige Artwork erst kam die Natur ins Spiel.“

Scheinbar zufällig also führt er in seinem verhaltenen Gesang den Fluchtgedanken fort, den er auf dem erst ein Jahr alten „No Sleep Until Ostkreuz“ mit einer juvenilen Aufbruchsstimmung begann.

Rückblickend ließe sich vermuten, Ghost Of Tom Joad wollten die Musik all der Anderen erst verstehen, um sich von ihr distanzieren zu können. „My heart is a traveller“ heißt heute eine dieser Kernzeilen eines Albums, auf dem niemand mehr auf den schnellen Hit schielt.

„Das ist natürlich ein Statement, wenn man so ein Album raus haut“, erklärt Henrik den eigenen Fortschritt. „Auf Kracher wie „Renegades Of Love“ hatte ich keine Lust mehr. Die Aggressivität steckt jetzt in den Texten – und der ruhigen und bedrohlichen Musik.“

„Matterhorn“ ist trotzdem ein eingängiger Bastard und vertont einen Eskapismus, der während „Into The Wild“ in drei anderen Kernzeilen gipfelt. Spontan und verzweifelt bricht es aus Henrik heraus: „Ich bin so müde, diese Füße wollen nicht. Überall nur Idioten, reden, reden kann ich nicht. Ich will hier nicht länger warten – und mit Dir in die Karpaten.“ Auch das ist eine Flucht: in die Muttersprache, raus aus der Popsprache Englisch.

An dieser einen, vom Bauch dominierten Stelle manifestiert sich ein Etappenziel, das Ghost Of Tom Joad ihren Referenzen voraus haben: Lord Francis Douglas konnte nie von seiner Reise berichten. Unter den Notizen von Christopher McCandless findet sich sein vermutlich letzter Eintrag: „Happiness is only real when shared“. Er musste diesen Weg nehmen, um das herauszufinden. Hätte er überlebt, es hätte ihn von dort an woanders hingetrieben. Ohne Aufbruch keine Ankunft. Wenn Ghost Of Tom Joad mit „Matterhorn“ also doch irgendwo angekommen sein sollten, dann bei sich. Von dort an weiter.

Aktuelles Album: Matterhorn (Richard Mohlmann Rec./Indigo)
© 01. März 2009  WESTZEIT ||| Text: Fabian Soethof
März 2009

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