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Richard Hawley - Raus aus dem Tal!

Richard Hawley einfach auf das Label "Pulp-Guitarist" reduzieren zu wollen wäre extrem unfair. Zwar wurde Richard dadurch bekannt, daß ihn sein alter Kumpel Jarvis Cocker irgendwann einmal als Verstärkung zu seiner Truppe holte – jedoch ist dies bloß eine Episode in Richard´s langer Karriere. Der Mann, der mit einigem Stolz darauf hinweist, daß er immerhin im Alter von 6 Jahren begonnen habe, Gitarre zu spielen, hatte sich mit seiner ersten Band, Longpigs, schon die Hörner abgestoßen, als Jarvis ihn einlud. Daneben arbeitet er emsig als Session-Musiker und Auftrags-Songwriter, entspannt sich mit seiner Rockabilly Band und legt nun, mit "Cole´s Corner", bereits sein drittes Solo-Album vor. Wie auch auf den beiden Vorgänger-Alben bewegt sich Hawley dabei in klassisch anmutenden Gefilden, die z.B. an die 50´s eines Buddy Holly erinnern.

Dabei fällt auf, daß das Neue Werk – obwohl inhaltlich ziemlich düster – musikalisch ganz besonders sanft und friedlich ausgefallen ist. Worauf ist das zurückzuführen? "Wenn Du die Zeiten durchlebt hättest, die ich durchlebt habe, dann hättest Du auch sanfte Songs geschrieben", erklärt Richard, der im letzten Jahr einige persönliche Dramen zu verarbeiten hatte, "entweder das oder aggressive, zornige Songs. Ich tendiere zwar dazu, zuweilen meinen Kopf gegen die Wand zu knallen, aber ich habe kein Interesse mehr daran, aggressive Songs zu schreiben. Das habe ich nämlich bereits hinter mir." Was ist denn das Wichtigste für Richard? Seine Songs hören sich ja, wie angedeutet, ein wenig altmodisch an. "Nun, sie sollen ja auch ein wenig Herz haben", meint Richard, "es ist eigentlich egal, welche Akkorde man spielt. Man kann versuchen, clever-clever zu sein, oder man ist halt ehrlich. Ich spiele Gitarre, seit ich 6 bin. Ich kann Jazz oder Rock spielen. Ganz egal. Aber ich habe herausgefunden, daß die einfachsten Dinge meistens auch die kraftvollsten sind. Seien es Velvet Underground oder Hank Williams: Die einfachsten Dinge sind für mich auch immer die Besten." Was ist denn so faszinierend daran, einfache Songs zu schreiben? Ist es die Herausforderung, die dies mit sich bringt? "Nein", wiederspricht Richard, "für mich liegt die Herausforderung nicht so sehr darin, einfache Songs zu schreiben, sondern damit glaubwürdig zu kommunizieren. Intimität ist nämlich eine Fähigkeit, die man als Musiker erst erlernen muß." Deswegen legt Richard z.B. auch Wert darauf, seine Songs live einzuspielen – möglichst mit nur einem Mikrophon – wie seine alten Vorbilder auch. "Mag sein, daß Du mal mehr als ein Mikro brauchst, aber es geht darum, die Essenz des Sängers und des Songs einzufangen. Das ist etwas anderes, als mit einem Computer herumzumanipulieren. Es ist ein wenig so, wie ein Hologramm aufzunehmen: Du willst so nah an’s Original kommen, wie möglich." Das heißt dennoch nicht, daß Richard ein Mann ist, der am gestern hängt. So hat er die neuen Stücke komplett auf Pro-Tools aufgenommen. "Die Sache ist aber die", meint er erläuternd, "Pro-Tools ist nichts weiter als eine komplexe Bandmaschine für mich. Ich verwende schon ein modernes Studio, wo es Sinn macht, denn ich will nicht in der Vergangenheit leben, sondern jetzt und in der Zukunft." Nur nicht musikalisch, oder? "Weißt Du, wenn man, wie ich, den ganzen Tag Musik hört, dann hört man auch die Einflüsse, die dieser unterliegen", erklärt Richard sein Dilemma, "und das, was man heute geboten kommt, ist der dritte oder vierte Aufguß. Es ist so verwässert, daß man gar nicht anders kann als zu den Originalen zurückzukehren. Ich sage immer: Gehe lieber zum Gipfel, als im Tal herumzuhängen!"
© 01. September 2005  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer
September 2005

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