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LUCY DACUS - Bürdelos

Spätestens mit dem bemerkenswerten Debüt-Album ´No Burden´ der jungen Songwriterin Lucy Dacus aus Richmond gibt es jetzt endlich mal wieder eine Indie-Rock-Scheibe zu bestaunen, wie es sie in dieser Konsequenz eigentlich schon seit langem nicht mehr gegeben hat. Das aus mehreren Gründen: Zum einen hat Lucy Dacus eine ganz eigene Art, ihre philosophischen Songs zum Thema Selbstfindung in elegante, songorientierte Strukturen zu verpacken und zum anderen bietet ´No Burden´ ein bemerkenswert geradliniges Soundkonzept, das in seiner trocken-kraftvollen Art an die großen Momente des Genres erinnert.

Dabei wurde die junge Dame mit dem eigenartigen Hobby ´fiktive Reisen planen´ gar nicht als Musikerin geboren, sondern versuchte es zunächst ein Mal auf der Filmhochschule. Was hat Lucy dann letztlich zu dem Schritt bewogen, es doch mit der Musik zu versuchen?

„Das war tatsächlich eine Reise nach Europa“, berichtet Lucy, „dort fragten mich die Leute – eigentlich überall, wo ich hinkam – nicht etwa, was mein Beruf sei, sondern, was ich gerne machen würde bzw. was mich erfüllen würde. Diese Frage hatte ich nicht erwartet. Deswegen habe ich zunächst ausweichend geantwortet, dass ich die Filmschule besuchte und nebenher Musik machte. Am Ende dieser Reise wurde mir aber klar, dass ich mich tatsächlich als Musikerin, Sängerin und Songwriterin betrachte, weil mir das doch sehr wichtig ist. Und zu dieser Erkenntnis kam ich durch die Fragen der Leute in Europa.“

So kommen wir also in den Genuss einer Sache, die heutzutage fast schon wieder aus der Mode gekommen zu sein scheint: Eine Indie-Rockscheibe, die intelligent formulierte Songs enthält.

„Ich muss allerdings einräumen, dass ich keine besondere Kontrolle über den Prozess des Songwritings habe“, gesteht Lucy, „meistens rede ich da mit mir selbst bzw. höre mir zu. Wann immer sich das, was sich da ergibt, bedeutungsvoll sein könnte, schreibe ich es nieder und kann dann erst im Nachhinein so richtig erkennen, um was es eigentlich geht. Ich könnte mich niemals hinsetzen und sagen: So, jetzt schreibe ich einen Song über dieses und jenes Thema. Es ist mir noch nicht gelungen, meine Erlebnisse direkt in einen Song zu transformieren. Wenn ich das versuche, dann hört sich das zu süßlich an oder zumindest hört man raus, dass ich mich da schwer tue.“

Dabei scheint es, als singe Lucy Dacus – bei aller Selbstreflektion – zuweilen gerne auch aus der Sichtweise von anderen. Spielt die Perspektive dabei eine gewisse Rolle?

„Ja, ganz genau“, pflichtet Lucy bei, „manchmal versuche ich einfach die Welt durch die Augen von jemand anderem zu betrachten. Natürlich kann man jemand anderen nie vollkommen verstehen, aber man kann es ja zumindest mal versuchen. Denn ich schreibe Songs hauptsächlich um mich oder andere besser zu verstehen.“

Musik als Therapieform also?

„Ja, es ist aber – wie gesagt - so, dass ich schon mal in jemand anderes Haut zu schlüpfen versuche – auch wenn ich stets aus der ersten Person heraus singe“, räumt Lucy ein, „allerdings sollte man dabei bedenken, dass ich mir ja gar nicht vorgestellt hatte, dass diese Songs mal jemand hören würde, denn ich habe sie ursprünglich nur für mich geschrieben. Es ist ja eher eine Art von Zufall, dass dieses Album am Ende von so vielen Leuten gehört worden ist.“

Das liegt daran, dass das Ganze als College-Projekt ihres Freundes Jacob Lizard begann, der in der Band auch die Gitarre spielt. Ihre eigentliche Berufung sieht Lucy Dacus übrigens in den Live-Auftritten, bei denen sie sich Lucy als Künstlerin ohne Persona präsentiert – ganz so, wie sie ist. Das birgt aber auch gewisse Gefahren, oder?

„Sicher“, räumt Lucy ein, „es kann zum Beispiel vorkommen, dass ich Leute treffe, die so mehr über mich wissen als ich selbst. Es fühlt sich aber persönlicher an, die Sache so offen anzugehen.“

Das bedeutet: Man bekommt bei Lucy Dacus das, wofür man auch bezahlt – ohne doppelten Boden, ohne Hintertür und ohne Maske. Auch in diesem Sinne ist Lucy Dacus also keine Bürde.

Aktuelles Album: No Burden (Matador Records) VÖ: 09.09.
© 01. September 2016  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer ||| Foto: Dustin Condren
September 2016

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