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ANGEL OLSEN - Keine Angst vor dem eigenen Ich

Angel Olsen erfindet sich mit ihrem dritten Album neu – schon wieder! Nachdem die 29-jährige Amerikanerin auf ihrem Debüt ´Half Way Home´ mit puristischem Lo-Fi-Folk begeisterte und auf dem umwerfenden Nachfolger ´Burn Your Fire For No Witness´ einen psychedelischen Schleier über ihre feingliedrigen Songs stülpte, interpretiert sie auf ´My Woman´ ihre herrlich eigensinnigen Songs im Randgebiet von Blues, Folk, 70s-Rock und Indie statt mit Gitarre nun bisweilen sogar mit Mellotron und Synthesizer.

„Ich möchte mich konstant selbst herausfordern, um die Sache für mich selbst interessant zu halten“, unterstreicht sie, als wir sie in ihrer Wahlheimat Asheville, North Carolina, erreichen. „Zum Beispiel wollte ich ´Hi-Five´ nie wieder spielen, nachdem ich mit dem Song bei Letterman aufgetreten war. Ich hatte ihn einfach satt. Ich bin sehr zufrieden mit den Liedern, die ich geschrieben habe, aber sobald du einen gewissen Grad an Erfolg erreicht hast – und ich bin ja nun wirklich nicht berühmt oder so –, wird von dir erwartet, dass du dich nur noch wiederholst und wiederholst.“

Dem tritt Olsen auf ´My Woman´ entschlossen entgegen, auch wenn so manch hitzige Diskussion mit ihrem Label nötig war, um ihre Vision kompromisslos durchzusetzen. Ohne ihre alten Tugenden vollends aufzugeben – nach stürmischem Beginn kehrt die in St. Louis aufgewachsene und lange in Chicago heimische Singer/Songwriterin in der zweiten Hälfte der LP wieder vermehrt ihre melancholische Seite nach außen – , ist ihr neues Album ein mutiger Schritt weg von ihrem bisherigen hin zu einem mehr glitzernden Sound. Die Platte sprüht geradezu vor wunderbar abwegigen Ideen und unerwarteten Schlenkern – ein ständiges Rütteln an den Gitterstäben der Genregefängnisse in den Köpfen von Label, Presse und Fans. Dabei fühlte sich Olsen alles andere als kreativ, als sie von der schier endlosen Gastspielreise zu ihrem letzten Album endlich wieder nach Hause zurückkehrte.

„Als die Tour für ´Burn Your Fire For No Witness´ zu Ende ging, hatte ich 125 Auftritte in einem Jahr absolviert, zehn Kilo zugenommen, fühlte mich nicht wohl und so gar nicht inspiriert“, erinnert sie sich. „Ich war schlichtweg an meine Grenzen gestoßen. Ich habe dann mit vielen Leuten aus dem Musikbusiness darüber geredet und dabei gelernt, wie wichtig es ist, das Ganze mit Humor zu sehen und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.“

Hatte sie in der Vergangenheit versucht, mit jedem einzelnen Song sich und ihre Hörerschaft intellektuell zu stimulieren, und war dabei mitunter eher bei Dostojewski als bei ihren eigenen Erfahrungen gelandet, geht es auf der neuen Platte nun viel mehr um tatsächliche Erlebnisse aus ihrem Leben. Nie zuvor ließ sich Olsen von ihrem Publikum so tief in ihr Seelenleben blicken. Damit ist die Platte nicht nur musikalisch, sondern auch textlich ein echter Befreiungsschlag für die Musikerin, die einst mit der Cairo Gang und Will Oldham alias Bonnie ´Prince´ Billy zusammenarbeitete, bevor sie 2011 ihr erstes Solowerk veröffentlichte.

„Ich weiß, dass sich das ein bisschen simpel anhört, wie etwas, das dir deine Mutter sagen würde, aber ich habe heute keine Angst mehr davor, ich selbst zu sein“, sagt sie und bringt damit die Veränderung auf den Punkt. „Ich möchte lernen und mich entwickeln, und der einzige Weg dorthin ist, mich auch mal unerschrocken vorzuwagen und zu sehen, was herauskommt und ob mir das zusagt, was entstanden ist. Das wieder und wieder zu tun, macht mir eine Menge Spaß.“

Die Songs auf ´My Woman´ drehen sich um Beziehungen, ihr nicht immer einfaches Verhältnis zu ihrer Kunst und das, was sie als „das komplizierte Chaos, eine Frau zu sein und für sich selbst einzustehen“ umschreibt. Dem Albumtitel zum Trotz will sie die Platte aber nicht als feministisches Statement verstanden wissen, wie sie abschließend unterstreicht:

„Zu glauben, dass alles, was ich tue, feministisch ist, nur weil ich eine Frau bin – das wäre mir zu eindimensional!“

Aktuelles Album: No Woman (Jagjaguwar / Cargo) Vö: 02.09.
Weitere Infos: angelolsen.com
© 01. September 2016  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld
September 2016

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