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OKKERVIL RIVER - "Ich wollte ganz woanders hin!"

Alles musste raus. Der Erfolg, den Okkervil River mit ihrem letzten Album „The Stage Names“ feierten, ist für die Band selber nur noch Makulatur und so soll das neue Werk „I Am Very Far“ die Antworten auf alle Fragen liefern, die zuletzt für Frontmann Will Sheff offen im Raum standen – dass er dafür unter Ausschluss der Öffentlichkeit Songs schrieb, gehöre halt dazu. Erklärt er und freut sich, dass die ersten Kritiken ihm und seinen Jungs einen „Brocken von Album“ attestieren.

In den Köpfen von Okkervil River dreht sich alles ums große Ganze. Probleme im Kleinen scheint es nicht zu geben und weil der perfekte Song nicht zwischen Tür und Angel entsteht, nahmen sich die Mannen um Sänger Will Sheff zuletzt mehr Zeit als erwartet.

Nicht nur eine Reihe von Kollaborationen mit illustren Kollegen wie The New Pornographers, Norah Jones oder Roky Erickson sollten neuen Input geben – nach getaner Arbeit zog es die Band zudem in die Einöde zurück, um dort, konzentriert und leidenschaftlich an der eigenen Karriere zuarbeiten.

Die spätestens seit dem 2007 veröffentlichten und durch die Bank weg wohlwollend in Empfang genommenen „The Stage Names“ einen kommerziellen Schub verpasst bekommen hat. Knapp zehn Jahre nach Gründung von Okkervil River sah sich die Band am Ziel aller Träume:

„Ich würde nicht sagen, dass ‚The Stage Names’ unser Durchbruch war, weil der Vorgänger ‚Black Sheep Boy’ schon erstaunlich gut aufgenommen wurde – aber die Verantwortung gegenüber unserem neu gewonnenen Publikum, spürte ich während des Songwritings zur neuen Platte mehr als sonst“, erklärt Will Sheff mit Blick aus dem Fenster seines Berliner Hotelzimmers.

Sein mitgereister Kollege Pat Pestorius kann dies bestätigen:

„Will ist selten mit den ersten Demos oder Takes zufrieden. Er will immer das Optimum aus Okkervil River rausholen. Manchmal verstehe ich zwar nicht, worum es in seinen Songs geht, aber das muss ich auch nicht.“

Das kollektive Gelächter der beiden am Anschluss beruhigt, denn trotz massiver Erwartungshaltungen ist ihnen die Druckkulisse nicht zu Kopf gestiegen: Das neue, siebente Album der Band mit dem viel sagenden Titel „I Am Very Far“ ist reich an verschiedenen Stilmitteln, nutzt den Folk genauso wie den Rock, E-Gitarren wie Akustikklampfen und versteht es, selbst reinen Pop so zu involvieren, dass das Ergebnis nie anbiedernd klingt.

„Ganz im Gegenteil, es ist eine Herausforderung sich der Platte zu stellen“, bekräftigt Sheff während ihm der Kaffee fast aufs Sofa kippt, „ich meine, dass ist etwas, was sehr nah am dem ist, was Menschen ausmacht: Sich Problemen zu stellen, die eigentlich riesiggroß sind. Nimm die Überbevölkerung – die haben wir bislang auch in den Griff bekommen und die Welt ist nicht untergegangen. Bislang!“

Genau darum gehe es auch auf der neuen Okkervil River: Die Situationen im Leben eines jeden Einzelnen zu analysieren, aufschlüsseln und so eine Lösung zu finden, mit der alle Leben können. „Es war mir wichtig, dass ich ganz in mich gehe und niemanden an meine Person heranlasse – koste es, was es wolle! Dieses eine Mal musste es sein.“

Um das selbst gesteckte Ziel zu erreichen, zog sich Will Sheff in die völlig Einsamkeit zurück: Allein für den Song „White Shadow Waltz“ verbarrikadierte er sich 24 Stunden in einen Raum und als der Track einfach nicht zustande kommen wollte, zog er am hellen Tage sogar die Vorhände zu, um die Sache zu einem Ende zu bringen. Eine Geschichte von vielen, die die Songs auf „I Am Very Far“ besonders und einzigartig machen.

„Es ging mir um ein Bewusstsein, dass unschuldig ist und mich mit meinen Empfindungen als Kind konfrontieren“, fügt er hinzu und bringt Pestorius damit zum Lachen: „Will, ich finde, dass die neue Platte überhaupt nicht kindisch klingt – bist du jetzt bockig?“ – „Blödsinn, du weißt doch genau, dass es mir nicht darum ging die Kindheitstage zurückzuholen.“

Für jemanden, der noch mit Schippe und Förmchen spielt, wäre dieses teils tiefschwarze Werk auch ein stückweit zu erwachsen – aber irgendwie möchte man Will Sheff in seiner Aussage bestätigen: Verspielt sind die neuen Tracks von Okkervil River ohne Frage.

„Da habt ihr’s!“ Ruft er in den Raum hinein und natürlich hat die Band mit „I Am Very Far“ einen „Broken von Album“ abgeliefert und dieser wird 2011 wohl vergeblich seinesgleichen suchen. Zugleich die Antwort auf alle Fragen.

Aktuelles Album: I Am Very Far (Jagjaguwar / Cargo) Vö: 06,05,
© 01. Mai 2011  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Alexandra Valenti
Mai 2011

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