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BLACK RUST - Lektionen in Wehmut

Welches Landei kennt das nicht? Eine Kleinstadt ist vom Sandkasten an die Heimat. Seilschaften entstehen, wachsen und funktionieren. Dann Abitur. Aufbruchsgedanken. Aus den Gedankenspielen wird Realität. Und schon ist man weg. Das trifft alles auch für Jonas Künne, Julian Osthues, Julian Jacobi, Christoph Seiler und Adrian Hemley, einen Freundesfünfer aus dem westfälischen Ahlen zu. Ihr Ziel der Begierde ist Dortmund. „Berlin war nie eine Option“, bekennt Jonas Künne freimütig, „der kleine Münsterländer mag halt nicht so viel Autos und Häuser an einem Fleck.“ Soweit so stinknormal. Doch Black Rust leben den Unterschied. Es ist der musikalische. Mit „Medicine&Metaphors“ steht auch schon eine erste Platte in den Regalen der Händler. Die wurde für die eigenständige, melancholisch angehauchte Interpretation des amerikanischen Gitarrenfolkrocks in den höchsten Tönen gelobt.

Sehnsuchtgetrieben

Mit „The Gangs Are Gone“, dem Zweitwerk, wird wehmutvoll zurück und sehnsüchtig nach vorn geblickt.

„Wehmutsvoll, weil wir zurück sind in unsere Heimatstadt, also nur zu Besuch“, verdeutlicht Jonas Künne, „und alles war anderes. Die alten Freunde ausgeflogen. The Gangs Are Gone. Die Welt da draußen hat einen verändert. Die Stadt klein, eng und muffig. Das war sie früher wohl auch schon, doch die Erfahrung des Weggehens schärft den Blick. Und wohin genau uns die Sehnsucht so treibt, weiß ich nicht genau. Ich glaube, ich habe die neue Platte selber noch nicht voll und ganz verstanden. Oft bin ich noch überrascht, was ich da höre.“

Flammneue Kleider haben Black Rust indes für ihre aktuellen Stücke nicht geschneidert. Doch da sie natürlich wissen, dass Kleider Leute machen, haben sie mitunter an den Fummeln ein wenig rumzerstört, um eine Basis für Neues zu erschaffen, ohne allerdings alles Bisherige hinter sich zu lassen oder gar zu verleugnen. Die Kollektion hat so jedoch einen gewissen Pfiff verpasst bekommen. Den akustischen Instrumenten, wie Streicher, Tuba oder Akkordeon werden elektrische Gitarrenriffs ans Revers geheftet. Bezüge auf Neil Young’s Saitentöne sind da nicht zufällig.

„Bezüge soll man hören und darf man hören“, erklärt Jonas Künne, „solange da nicht wild abgekupfert wird.“

Black Rust spielen genau so gekonnt mit diesen Zitaten, wie sie es mit der Freude am Musizieren tun.



Analytische Nachdenklichkeit

Großartig reden müssen Black Rust nicht mehr, wenn es um neue Stücke geht. Dazu kennt man sich lange genug und vor allem gut genug.

„Der kreative Prozess ist bei uns eher ein intiuitiver“, erklärt Jonas Künne, „wenn ich die Stücke schreibe, kann ich aufgrund der Nähe, die wir über die Jahre entwickelt haben, die anderen Musiker gleich mitdenken. Der Prozess im Proberaum wird so deutlich verkürzt und er verläuft natürlich fokussierter.“

Doch bevor ein Lied überhaupt zum Üben freigegeben wird, durchläuft es einen Test.

„Ich setze mich hin und spiele das Stück nur mit Gitarre und singe dazu“, verdeutlicht er diesen Prozess-Schritt, „wenn das Lied dann nicht funktioniert, dann funktioniert es auch mit großem Besteck nicht.“

Ein schönes Beispiel dafür, dass Black Rust immer im Sinne des Liedes agieren und jegliche musikalische Ego haben dahinter zurückzustehen. Ganz im Sinne des Liedes wird auch die Instrumentierung gestaltet. Und da hat das Quartett aufgrund des meist klassischen Ausbildungshintergrundes jede Menge Optionen.

„Das auch“, lacht Jonas Künne, „häufig nehmen wir aber auch Instrumente zur hand, die wir nicht spielen können und probieren aus, was dann passiert. So schleicht sich schon mal eine Tuba ins Arrangement. Das aber macht unsere Stücke so abwechslungsreich.“

Deutsche Musiker, englische Texte und dann noch die Themen Wehmut und Sehnsucht. Das kann verdammt nach hinten losgehen. Das wäre dann übelste Pennälerlyrik. Oder man schreibt sich autobiographische Ereignisse mit der gebotenen analytischen Nachdenklichkeit von der Seele, ohne auch hier die gängigen Klischees zu bedienen. Das wiederum wäre großes Kino. Black Rust entscheiden sich für Letzteres und liefern gepaart mit ihrer musikalischen Leichtigkeit ein spannendes, atmosphärisch dichtes und inspirierendes Gesamtpaket.

Aktuelles Album: The Gangs Are Gone (Strange Ways Records/Indigo)
© 01. Mai 2011  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
Mai 2011

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