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THEA GILMORE - Drunter und drüber

Geringere wären an solchen Umständen zerbrochen: Etwa zur Zeit der Veröffentlichung von Thea Gilmores letztem Album "Harpo's Ghost" wurde bei ihr eine klinische Depression diagnostiziert. Zuvor hatte sie sich von ihrer alten Plattenfirma getrennt und war im Folgenden ausgerechnet bei dem Sanctuary-Label gelandet, das kurz darauf den Weg aller Major-Sub-Labels ging.

Da stand sie nun ohne Plattendeal, musste eine Reha durchlaufen und wurde obendrein - bei einer eh schon fragilen Beziehung - schwanger. Irgendwie scheint die englische Songwriterin, die von vielen schon als Hoffnungsträgerin ihrer Generation gesehen wurde, das Ganze kreativ eher beflügelt zu haben: Quasi im Alleingang nahm sie in ihrem Heimstudio den Großteil des Materials auf, das nun das neue Album "Liejacker" ausmacht und das - nicht zuletzt aufgrund der sehr persönlichen, aufrichtigen, ja tehrapeutischen Note - zum stärksten gehört, das sie bislang produzierte und das, was die musikalische Qualität betrifft, endlich bei ihrem Erfolgsalbum "Rules For Jokers" anschließt und auf Pop-Mätzchen, wie sie sich zunehmend auf ihren letzten Alben einschlichen, gänzlich verzichtet.

“Auf meinem letzten Album, 'Harpo's Ghost' wollten einfach zu viele Leute mitreden", gesteht Thea, "deswegen hat es auch diese groß angelegte AOR-Mainstream-Produktion. 'Liejacker' ist die direkte Reaktion auf diesen Zustand. Ich war nun - mit neuem Equipment, das ich mir zugelegt hatte und einer Reihe von neuen Instrumenten, die ich auf E-Bay ersteigert hatte - erstmals in der Lage, mich selbst ohne großes Studio aufnehmen und musikalisch ohne Druck herumexperimentieren zu können.”

Was war dann ihr Ziel bei diesem Prozess?

„Ich kann ehrlich sagen, dass ich gar kein Ziel hatte“, meint sie, „ich kam gerade aus meiner Depression und die Musik wurde zu einem echten Ventil für mich, mit dem düsteren Kram in meinem Inneren umzugehen. Ein gutes Beispiel dazu ist der Song 'Black Letter', den ich in 5 Minuten meiner dunkelsten Phase schrieb und der von meinen größten Ängsten handelt - wobei die schwarzen Buchstaben mir damals als perfekte Metapher für meinen Zustand erschienen. Und wenn ich ein Ziel hatte, dann war es, durch diese dunkle Phase in meinem Leben zu kommen und die Musik hat mir dabei geholfen. Die Songs habe ich eigentlich in dem Sinne gar nicht geschrieben, sondern sie kamen bei mir an. Es sind somit mit die reinsten Songs, die ich je geschrieben habe. Ohne dass ich darüber nachdenken musste oder einen Plan hatte. Für mich war es der natürlichste Prozess der Welt.“

Die im Titel benannten 'Liejacker' - was eine originäre Gilmore-Wortkreation ist - sind dabei übrigens Leute vom Schlage Theas, die das, was ihnen vorgesetzt wird, nicht kritiklos hinnehmen, sondern auf des Pudels Kern bestehen. Das überzeugte auch ihr Idol, die Folk Ikone Joan Baez, mit der sie in den USA auch schon auf Tour war, sie auf dem Song "The Lower Road" als Duettpartnerin zu unterstützen. Was reizt Thea denn an Zusammenarbeiten dieser Art?

“Nun, ich habe Probleme mit anderen zusammen Stücke zu schreiben - von Ausnahmen einmal abgesehen”, erklärt sie, “aber ich liebe es, mit anderen zusammenzuarbeiten, weil so immer neue Aspekte zum Tragen kommen und man die eigene Musik aus immer neuen Perspektiven wahrnimmt.”

Dazu passt auch, dass Thea Gilmore es als größte Herausforderung ansieht, sich nicht zu wiederholen - wofür sie ein einfaches Rezept hat:

“Das beste Rezept, sich nicht zu wiederholen, ist einfach weiterzuleben.”

Und es muss ja nicht immer so turbulent zugehen, wie in der jetzt überstandenen Phase - obwohl: So lange sich das künstlerisch so positiv niederschlägt …

Aktuelles Album: Liejacker (Fruitcake / SPV)
© 01. Juli 2008  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer
Juli 2008

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