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PORT O´ BRIEN - Mariah Carey-Fan auf Lachsfang

Port O’Brien ist eine Band. Eine mit besonderer Geschichte. Denn ein wenig fühlt man sich an den Tellerwäscher erinnert, der zum Millionär werden sollte. Mit dem kleinen Unterschied, dass in diesem Fall keine Teller gewaschen, sondern nur Lachse gefischt und kleine Brötchen gebacken werden. Schließlich dreht es sich hier um Rockmusik aus Alaska.

Kaum zu glauben?

„Nun ja, die Geschichte könnte aber wahrer kaum sein!” grinst der mit einer gesunden Gesichtsfarbe gesegnete Van Pierszalowski. Sein strahlendes Äußeres verdankt er vermutlich seinem Arbeitsplatz. Denn in aller Regel ist er Sommer für Sommer an der frischen Luft, auf hoher See. Ein ermüdender, stinkender und zuweilen auch bärenlangweiliger Knochenjob, der vier Monate lang nicht viel mehr als Fisch, Kälte und pure Einsamkeit zu bieten hat. Vans Freundin, Cambria Goodwin, sieht auch gesund aus. Sie backt und konserviert daheim auf dem Festland Alaskas die Brötchen, auf denen der von Van gefangene Lachs dann irgendwann landet. Obwohl sie beide glücklich dreinschauen und die gesündeste Hautfarbe der Welt haben, muss man sich fragen: Wer hat Van und Cambria diese harten Jobs aufgedrückt? Wenn es das Schicksal war, dann meinte es dieses aber irgendwie auch gut mit den beiden, denn diese harten Jobs haben auch ihre Vorteile. Zwischen Lachs und Brötchen lässt sich in Alaskas Einöde nämlich vortrefflich kreativ sein! Der Output dessen trägt die Überschrift „All We Could Do Is Sing“ und zeigt, dass Alas-ka das Zeug hat, the new loud zu werden.

Wie der Titel dieses Albums zum Ausdruck bringt, wird hier verarbeitet. Wer damit nun Elegisches, Dahintröpfelndes oder Traumwandlerisches aus Alaska erwartet, wird ganz schön zusammenzucken und erschrecken, wenn Port O’Brien losscheppern. Diese Band rockt, obwohl ursprünglich alles mal sehr ruhig und beschaulich begann. Das Pärchen Cambria und Van startete die heute zu einem Quintett herangewachsene Band vor rund drei Jahren. Sie begannen damit, als eine Art Folk-Duo durch Coffeeshops zu tingeln, wenn sie mal nicht auf dem Kutter oder in der Backstube stehen mussten.

„Wir haben uns dann oftmals erst nach langer Zeit wiedergesehen und anfangs war es schon immer etwas schwierig, sich nach all den Wochen in der Isolation sofort mit Worten auszutauschen. Die Musik hat da für uns beide einen unmissverständlichen Zugang geboten. Sie ist zu einer Art Kommunikation zwischen uns geworden – und so sind viele Songs bei uns entstanden.”

Oft blieben beide während der Off-Saison bis zum nächsten Sommer in Cambrias alter Heimat. Die Dialektik zwischen dem Dasein in Alaska und den freien Monaten im kalifornischen Kaff ist unter dem Strich das Herz und der Anker dessen, was Port O’Brien vertonen. Denn das nach Fisch stinkende Boot gegen den nach allem Möglichen riechenden Tourbus einzutauschen, ist der Stoff, aus dem ihre Lieder sind:

„Der Wechsel zwischen diesen Extremen ist unsagbar wichtig für mich und unsere Musik“, so Van. „Ich möchte nichts davon aufgeben, denn diese Gegensätze brauchen einander.”

Das, was dieses Spiel mit den Gegensätzen hervorgebracht hat, haben Port O’Brien dann als fünfköpfige Rasselbande in San Francisco aufgenommen. In den mittlerweile allseits bekannten Tiny Telephone Studios nahmen sie mit Aaron Prellwitz (Death Cab For Cutie, Sun Kill Moon, etc.) die Basics, den Krach und das scheppernde Gerümpel auf. Das akustische, weitaus intimere Zeug hielten sie im Studio von Jason Quever fest – wobei „Studio“ es nicht ganz trifft, korrigiert Van seine eigenen Ausführungen:

„Wir nahmen bei ihm im Wohnzimmer auf. Ganz einfach, weil die Atmosphäre dort perfekt dafür war.“

Weniger schön ist manchmal die Atmosphäre im Tourbus der Band. Schuld daran ist Van, der aufrichtiger Mariah Carey-Fanatiker ist. Cambria verdreht die Augen und stöhnt:

„Ja, das ist sein voller Ernst. Grauenvoll! Speziell auf Tour ist das kaum auszuhalten, wenn mal wieder ein Mariah-Day ansteht und nur sie aus den Boxen des Busses schallt.”

Fragt sich nur, was schlimmer ist: Einen Sommer lang Lachse fangen oder eine Tour mit Mariah Carey im Ohr. Die Antwort ist klar - auch, wenn weder Cambria noch Van ihr Schicksal in Alaska missen möchten. Denn dort liegt die Inspirationsquelle, aus der sie schöpfen.

„Ja“, sagt Cambria voller Überzeugung, „ich werde immer wieder zurückgehen, selbst wenn wir jemals von der Musik leben können sollten. So hart mein Job auch ist, so wunderschön ist er aber auch. Da habe ich ein Fenster, aus dem ich hinaus auf den Hafen schauen kann. So etwas ist wichtig.“

Und das hört man.

Aktuelles Album: All We Could Do Was Sing (CitySlang / Rough Trade)
© 01. Juli 2008  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister ||| Foto: Eden Batki
Juli 2008

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