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Martin Kippenberger – sehr gut | very good - Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart - Berlin

Während seines dreijährigen Aufenthalts in Berlin malte Martin Kippenberger auch die berühmte „Paris Bar“, ein Restaurant von Michel Würthle. Gegen kostenloses Essen und Trinken in dieser Bar tauschte er große Teile der sechsundfünfzigteiligen Serie „Uno di voi, un tedesco in Firenze“ ein, die er während eines Italienaufenthaltes 1976-77 gemalt hatte. Sein Verhältnis zur eigenen Kunst ist nur durch seine Persönlichkeit zu erklären, die sich in geradezu exzessiver Weise seines Lebens bemächtigte und dafür sorgte, daß keine Ruhe einkehrte, kein Halt, kein Durchatmen. Martin Kippenberger, der nun im Hamburger Bahnhof in Berlin mit einer umfangreichen Werkschau geehrt wird, lebte und arbeitete wie ein Besessener. In Dortmund 1953 geboren, wurde er nur vierundvierzig Jahre alt und starb 1997 in Wien an einer Leberkrebserkrankung.

(l.) Einladungskarte zur Ausstellung "Helmut Newton für Arme. Selbst beschmutzende Nestwärme - bis ´84. Collagen und Fotografien", 1985 ©Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne

(m.) Ohne Titel, 1988, Öl auf Leinwand, 241,2 x 201,8 cm, Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof, ©Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne

(r.) Alkoholfolter (aus dem 15-teiligen Werk Vom Einfachsten nach Hause), 1981/82 Öl auf Leinwand, 2 Teile, je 50 x 60 cm, ©Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln



Die Untrennbarkeit von Kunst und Leben zeigte sich bei Martin Kippenberger in der Vielfalt seiner überwiegend öffentlich gelebten Existenz, die ihn als Maler und Musiker, Schriftsteller und Schauspieler, Reisender und Trinker wahrnehmen konnte. In Berlin sind etwa dreihundert Werke zu sehen, die neben der selten gezeigten mehrteiligen Installation „Weiße Bilder“ (1991) und Selbstporträts wie „Helmut Newton für Arme. Selbst-beschmutzende Nestwärme - bis ´84“ auch private Fotografien, Bücher, Schallplattencover und Filme enthalten. Sehr oft tragen Kippenbergers Arbeiten keinen Titel, wenn doch, dann auch kryptische wie „Martin, ab in die Ecke und schäm dich“ (1980). Mit dieser in verschiedenen Ausführungen existierenden Skulptur kommentiert Kippenberger ironisch die Erregungszustände der Öffentlichkeit über seine skandalträchtigen Äußerungen und Handlungen. Er fiel des öfteren aus der Rolle, was nicht selten ohne Absicht geschah. Wenn ihn auf verbaler Ebene die Contenance verließ, bescherte ihn das oft hämisch, böse Kommentare. Sein Aus-der-Rolle-Fallen aus Künstler aber ließ ihn über sich hinaus wachsen, in dem er Werke der Nachhaltigkeit ins Leben entließ, die ihn als Selbstdarsteller und als individualistischen Künstler zeigen. Zahlreiche, auf Hotelbriefpapier gefertigte Zeichnungen belegen, daß Martin Kippenberger ein Künstler war, der jüngere Generationen (wie etwa die Vertreter der „Neuen Leipziger Schule“) beeinflussen konnte. Der Titel der Ausstellung „Martin

Kippenberger: sehr gut | very good“ nimmt aber nicht nur Bezug auf die weißen Bilder, sondern zitiert auch auf eine seiner weit über hundert Publikationen – das Magazin „sehr gut. very good“ von 1978.



Die weiße Installation ohne Bilder zeigt zunächst einmal nichts anderes als einen weißen Kubus im Raum. Erst bei näherer Betrachtung werden großformatige monochrom-weiße „Bilder“ sichtbar, die bündig mit den Wänden des Raumes abschließen. Von einem neunjährigen Nachbarsjungen ließ Kippenberger während eines Graz-Aufenthaltes 1990/91 Bilder in seinen Ausstellungskataloge beschreiben und stets mit der Schulnote „sehr gut“ bewerten. „Der Junge tat, wie ihm aufgetragen, und schrieb sogleich einige karierte Seiten voll. Diese nahm Kippenberger zur Vorlage, projizierte sie auf Leinwände und schrieb die Kinderschrift mit weißem Lack in durchgehenden Gesten nach.“ (Manfred Hermes aus dem Ausstellungskatalog „Martin Kippenberger. Sehr gute Bilder“)



Dass sein Tod nahe war, spürte Martin Kippenberger. Das Wissen darum hielt ihn nicht davon ab, sein Lebensende künstlerisch zu verwerten. So ist er in Posen als Schiffbrüchiger zu sehen, wie Théodore Géricault sie 1819 in seinem berühmten Gemälde „Das Floß der Medusa“ gemalt hat: als aufgedunsener, gealterter, erschöpfter Mensch.
Bis 18.08.2013
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart -, Invalidenstraße 50/51, 10557 Berlin
Tel.: 030-266424242
E-Mail: hbf@smb.spk-berlin.de
Geöffnet: di, mi, fr 10 – 18 Uhr, do 10 – 20 Uhr, sa + so 11 – 18 Uhr
Eintritt: 8/4 Euro
Weitere Infos: www.smb.museum www.hamburgerbahnhof.de
© 01. April 2013  WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
Kunst

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